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Nach ersten polizeilichen Ermittlungen soll Mario zuerst Jana erschossen haben und dann sich, so berichtete auch die Presse... Das Ergebnis der Obduktion sah jedoch anders aus: Jana hat sich zuerst in den Mund geschossen (dieser Schuß war bereits tödlich), dann hat ihr Mario nochmals einen Schuss in den Kopf gegeben, bevor er sich selber die Waffe in den Mund schob...
Doch für uns Mütter sollte dieser furchtbare Freitod unserer Kinder nicht der letzte Schock sein. Renate bekam eine Sterbeurkunde, wonach Mario zwischen dem 2.11.2002 um 20.15 Uhr und dem 3.11.2002 um 11.20 Uhr gestorben ist. Auf Janas Sterbeurkunde stand: zwischen 1.11.2002 um 9.00 Uhr und dem 3.11.2002 um 11.20 Uhr.
Bei der Kripo bekam ich auf meine Anfrage die Auskunft, dass man immer danach geht, wann derjenige das letzte Mal lebend gesehen wurde. Aber als ich sagte, dass man doch heutzutage die Todeszeit genau feststellen kann, antwortete der Kripo-Beamte: "So etwas gibt's nur im Krimi!" Aber was sollte auf dem Grabstein stehen? Auch darauf hatte er sofort eine "passende" Antwort: "Man nimmt immer das Datum des Auffindens."
Mario hatte seine Mutter nach seiner Ankunft in Berlin am 2.11. um 20.15 Uhr vom Handy aus angerufen, dass er gut angekommen ist - das war sein letztes Lebenszeichen... Ich hatte bei der ersten polizeilichen Vernehmung unter Schock vom 1.11. um 9.00 Uhr gesprochen (als ich nach Hause kam). Später bewirkte ich durch meinen Anwalt, dass dies auf den 2.11.2002 geändert wird, als mir um 8.10 Uhr Jana am Fenster nachschaute....
Trotzdem ließ uns Mütter die Frage nach der Todeszeit unserer Kinder nicht los. Als wir Ende Januar 2003 miteinander Kontakt aufnahmen, war dies oft ein Thema in unseren langen Telefonaten. Irgendwann bat ich mal Renate, auf Marios letzte Handyrechnung zu sehen, die sie sich bis dahin nie angeschaut hatte. Von Janas Rechnung wusste ich, dass sie am 2.11. abends letztmalig SMS verschickte. Auf Marios Rechnung standen am 3.11. früh gegen 6.45 Uhr die letzten beiden SMS. Nun waren wir uns sicher, dass unsere Kinder am 2.11. noch lebten und der 3.11. der wirkliche Todestag ist.
Als ich Anfang Mai 2003 die Berichtigung von Janas Sterbeurkunde (Änderung vom 1.11. auf 2.11.) erhielt, hatte ich unerwartet durch meinen Anwalt die Möglichkeit, die Kopie eines Teils des Polizeiberichtes zu lesen. In diesem stand beschrieben, wie man Jana und Mario am 3.11.2002 um 11.20 Uhr aufgefunden hat und welche Untersuchungen auf dem Parkplatz am Berliner Teufelsberg Vorort stattgefunden haben. Es war nicht einfach, dies zu lesen, zumal über ein halbes Jahr vergangen war und somit alle Wunden wieder aufbrachen. Ich las, dass Jana bei der Untersuchung eine rektale Körpertemperatur von 35,3 Grad hatte und Mario 36,8 Grad, dies bei einer Außentemperatur von 6 Grad. Es waren noch weitere Angaben....
Es verwunderte mich, denn sogar ich als Laie weiß, dass die Körpertemperatur eines Menschen nach dem Tod sehr schnell sinkt. Ich informierte mich im Internet und fragte eine Krankenschwester, die in der Sterbebegleitung arbeitet. Sie erkundigte sich nochmals bei einem Mediziner, aber auch dieser bestätigte, was sie mir schon sagte: dass beide erst ganz kurze Zeit tot gewesen sein können.
Warum hat man uns Mütter regelrecht für dumm verkauft? Warum hat man uns erzählt, dass es die Feststellung der Todeszeit nur im Krimi gibt? Warum werden Sterbeurkunden aufgrund von bürokratischen Bestimmungen ausgefertigt, obwohl das Sterbedatum eindeutig der 3.11.2002 war?
Mit diesem Wissensstand hätten wir Mütter die nochmalige Änderung bzw. Korrektur der Sterbeurkunden durchsetzen können. Wir brauchten unsere Kraft jedoch für das alltägliche Leben, aber unser erworbenes Wissen konnte uns niemand mehr nehmen...
Was blieb, war die Enttäuschung, wie unsensibel die Kripo mit Hinterbliebenen umgeht und unsere endlose Trauer...