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Jana und Mario haben sich im Internet in einem Suizidforum kennen gelernt. Dort treffen sich "Gleichgesinnte". Ich war in der ersten Zeit nach dem Tod unserer Kinder oft auf diesen Seiten, um zu sehen, was dort passiert. Es lief eine ständige Diskussion über die Sinnlosigkeit des Lebens und das angebliche Recht sein Leben selbst zu beenden. Es wird von dem „RL“ (realen Leben) da draußen gesprochen. Viele sehen im Forum ihre eigene Welt, ihre „Familie“, die einzige Möglichkeit des Gedankenaustauschs und glauben, dass sie nur hier verstanden werden. Leute aus dem „RL“, die aus Neugier ins Forum gehen und sich in einem Beitrag kritisch dem Forum gegenüber äußern, werden regelrecht demontiert. Gerechterweise muss ich aber hinzufügen, dass es auch echt dumme Beiträge von „Gaffern“ gibt.
Einigen Teilnehmern der Suizidforen wird durch die Kontakte und die Möglichkeit des Gedankenaustausches geholfen. Aber anderen geht es durch die oft depressive Stimmung im Forum schlechter als zuvor. Bestätigt wurde mir dies durch Zuschriften von Leuten, die sich dort aufhielten und Hilfe erhofften, aber noch mehr herunter gerissen wurden und gerade noch den Absprung schafften. Darum habe ich zwar nie ein grundsätzliches Verbot der Suizidforen verlangt, aber eine bessere Kontrolle durch die Administratoren bzw. fachliche Betreuung gefordert, denn es ist ein schmaler Grat, auf denen sich diese Foren bewegen. Im Suizidforum ist man jedoch davon überzeugt, dass alle Kritik unberechtigt ist.
Die Suche nach Partnern und die Verabredung zum gemeinsamen Selbstmord, Anfragen zu Selbstmordmethoden oder zur Beschaffung von Mitteln dazu sind im Forum zwar nicht erlaubt, aber finden trotzdem statt, wobei es sich dort noch relativ „harmlos“ liest. Im Forum wird der Kontakt aufgenommen, konkret wird man dann per Chat, Email oder Messenger, was kein Dritter lesen kann. So war es auch bei Jana und Mario, da sich einige Kontakte zurück verfolgen ließen.
In der Zeit nach Janas und Marios Tod konnte ich u.a. einen Beitrag lesen, in dem nach Möglichkeiten der Waffenbeschaffung gefragt wurde. Die Antwort lautete sinngemäß: „Hier in Deutschland ist es schwierig, aber in Holland hat man bessere Möglichkeiten.“ Ähnliche Antworten gab es auf Anfragen nach der Beschaffung, der Wirksamkeit oder den Wechselwirkungen von bestimmten Mitteln, aber ich will hier keine weiteren Zitate wiedergeben.
Als man im Suizidforum vom Tod unserer Kinder erfuhr, waren viele Teilnehmer völlig geschockt. Trauer und Sprachlosigkeit waren vorrangig an der Tagesordnung. Es gab aber auch Beiträge wie: „sie haben uns nicht nur das Geheimnis des Sterben voraus... sondern sie sind auch mit dem Tod beglückt worden...“ oder: „bitte, kein Mitleid! Die beiden haben es hinter sich... Freut euch für sie! Sie haben es geschafft ihren Wunsch zu erfüllen. Das sollte man respektieren.“ (beide Zitate vom 09.11.2002)
Als ich jedoch in die Medien gegangen bin, um die Öffentlichkeit und vor allem Eltern dafür zu sensibilisieren, wurde ich im Forum und per Email massiv angegriffen. Mir wurde vorgeworfen, dass ich damit „Touristen“ ins Forum locke, welche die Foren kaputt machen und dadurch denen die Rückzugsmöglichkeit nehme, die sich bis dahin dort verstanden gefühlt haben. Es ging sogar soweit, dass man mir eine Mitverantwortung an eventuellen weiteren Selbstmorden anlasten wollte.
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Nunmehr sind nicht nur ein paar Monate, sondern bereits einige Jahre vergangen, und ich schaue nur noch selten in das Suizidforum, in dem sich Jana und Mario kennen lernten. Jedoch war ich erstaunt, dass langjährige User am Todestag unserer Kinder gedenken... Ich hoffe auch, dass man mich dort nicht mehr allzu sehr verteufelt, denn ich will und wollte durch meinen Gang in die Öffentlichkeit denen, die dort eine Rückzugsmöglichkeit hatten und haben, nicht schaden. Aber es gibt immer zwei Seiten, und ich stehe leider auf der Seite der Hinterbliebenen...