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  Tagebuch Oktober - Dezember 2003

 

Montag, 29.12.2003

Obwohl ich gestern sehr zeitig ins Bett gegangen bin, hatte ich nichts davon, denn anfangs quälte mich endlos Schüttelfrost, nachts wurde ich dann schweißgebadet wach und konnte nicht mehr schlafen. Früh um 6 Uhr habe ich bereits 38,3 °C Fieber und fühle mich noch schlechter als gestern. Eine Nachbarin geht mit Jill Gassi, dann fährt sie mich zum Arzt. Erzählen muss ich ihm nicht viel, er untersucht, schreibt Rezept und Krankenschein und meint, dass mein Infekt nicht richtig auskuriert war. Na ja, das dachte ich mir schon. Ich bin froh, als ich wieder zu hause bin, verbringe den Rest des Tages fast nur in der Waagerechten. Meine Nachbarin Katrin und Hunde- Sitter Bernhard übernehmen die weiteren Gassi- Runden mit Jill.

Mittags telefoniere ich mit Norbert, und wir sind uns einig, dass wir unsere Einladung zu Silvester absagen müssen. Ich würde die Feier kaum durchhalten, aber auch Norbert ist nicht so fit. Er schleppt auch schon einige Zeit eine Erkältung mit sich herum und wird sie nicht richtig los. Da wird dann eine Feier bei Bekannten mehr zur Quälerei als zum Vergnügen.

Nachmittag kommt Olav kurz vorbei. Eigentlich wollten wir morgen noch mal zusammen zu Steffi fahren, aber das werde ich nicht packen. Olav hat sein Auto aus Kostengründen nun ganz verkauft, darum gebe ich ihm meine Autoschlüssel und Papiere. Dann ist er etwas mobiler und kann morgen wenigstens allein zu Steffi fahren. Es ist schon komisch, mein Auto vom Fenster aus wegfahren zu sehen. Als ich das letzte Mal meinem eigenen Auto hinterher sah, saß Jana am Steuer....

Sonntag, 28.12.2003

Nun bin ich endgültig wieder da, wo ich vor 14 Tagen war, habe wohl einen richtigen Rückfall und heftiger als zuvor. Ich liege flach, das Aufstehen fällt mir schwer, mir ist schwindlig, habe Schüttelfrost, verbrauche endlos Taschentücher und und und.....

Sonnabend, 27.12.2003

Richtig ausschlafen..... aber um 9 Uhr klingelt das Telefon. Es ist mein Ole- Bole, und darüber freue ich mich! Wir verabreden, dass er um 13 Uhr kommt. In der Zwischenzeit fahren wir mit Norbert noch ein paar Kleinigkeiten einkaufen und holen bei ihm Unterlagen, da er nachmittags seine Steuererklärung machen will.

Gegen 14 Uhr mache ich mich auf den Weg, um Steffi zu besuchen. Olav kommt mit, er möchte sie auch gern sehen, denn die beiden können sich sehr gut leiden. Ich bin mir sicher, dass es für Steffi eine echte Überraschung sein wird, wenn sie Olav sieht. So ist es dann auch. Steffi freut sich, wie ich es lange nicht mehr bei ihr gesehen habe. Immer wieder sagt sie Olav, wie sehr sie sich über seinen Besuch freut.

Ich habe Steffi wieder die letzten Tagebucheinträge ausgedruckt und mitgebracht. Gern würde sie an ihrer eigenen Homepage arbeiten.... Darum frage ich sie auch, ob ich den Lesern hier über das Tagebuch etwas von ihr übermitteln soll. Bescheiden, wie sie ist, bittet sie nur darum, dass man sie nicht vergisst.....

Die Zeit vergeht leider wie im Fluge, der Abschied fällt allen wieder sehr schwer.....

Als wir mit Olav den Heimweg antreten und zum Auto gehen, nimmt er mich in den Arm und sagt zu mir: „Mutti, Steffi ist wie eine Tochter für dich, nicht wahr? Ich finde es gut, dass du dich um sie kümmerst, das machst du richtig!“ Olavs Worte tun einfach nur gut, und ich bin wieder einmal unendlich froh, dass es ihn gibt! Dann beschließen wir auch, dass wir sobald wie möglich Steffi nochmals gemeinsam besuchen......

Zweiter Weihnachtsfeiertag, 26.12.2003

Das Aufstehen fällt mir richtig schwer, würde am liebsten zurück ins Bett fallen. Der Rücken tut weh, die Arme, die Beine, ich fühle mich, als wäre ich verprügelt worden. Na ja, kein Wunder, allein am 24.12. haben wir Leute im Rollstuhl insgesamt 21 Etagen hoch- oder runtergetragen. Hinzu kommt, dass meine Erkältung scheinbar zurück kommt, der Husten ist bereits wieder so heftig, dass mir der ganze Brustkorb weh tut. Heute morgen zeigt das Fieberthermometer 37,3°C. Ich muss aber diesen Tag noch durchhalten....

Fortsetzung um 23.30 Uhr:

Andere Leute haben sich bereits seit drei Tagen erholt und noch zwei weitere freie Tage vor sich.... Ich bin jetzt froh, dass ein normales Wochenende vor mir liegt. Ich hoffe, dass ich wieder einigermaßen auf die Beine komme, denn den Tag habe ich heute mit Tabletten mehr schlecht als recht überstanden. Jetzt zeigt das Fieberthermometer bereit wieder erhöhte Temperatur an. Ich fühle mich, als hätte ich die Rente verpasst.....

Erster Weihnachtsfeiertag, 25.12.2003

Heute früh komme ich nicht vor 10 Uhr aus dem Bett, habe dadurch nicht viel Zeit, denn kurz nach 12 Uhr muss ich mich bereits wieder auf den Weg zur Arbeit machen.

Wieder bis 22.30 Uhr arbeiten. Heute kann ich jedoch gleich nach hause fahren, denn Norbert hat den Tag mit Jill in meiner Wohnung verbracht.

Heute erlebte ich folgendes: wir holten eine Oma bei ihrer Verwandtschaft ab, um sie nach hause zu bringen. Als man mich sah, fragt man mich, ob ich das denn schaffe. Man meinte die halbe Treppe Hochparterre. Es passiert oft, dass man mir als Frau diese Arbeit nicht zutraut. Als wir die Oma im Rollstuhl hinunter gebracht hatten, sagte dann jemand von der Verwandtschaft zu mir: „Na ja, richtig gut wird es erst bei ihr zu hause, wenn sie sie drei Etagen hochtragen müssen.“ Ist das nicht nett, wenn man Weihnachten schwer arbeitet und dafür noch verspottet wird?

Genug von der Arbeit, eigentlich sind meine Gedanken in der Vergangenheit. Das zweite Weihnachten ohne Jana – Erinnerungen verfolgen mich auf Schritt und Tritt.....

Heiligabend, 24.12.2003

Diesen Tag würde ich am liebsten "aussparen", denn es gehen mir wieder tausend Dinge durch den Kopf. Insofern bin ich fast froh, dass ich einen langen Arbeitstag vor mir habe: von 12 Uhr bis 22.30 Uhr. Es wird sicher Ablenkung sein, wenn auch nicht genug, denn Gedanken lassen sich nicht kommandieren.

Ich möchte hiermit allen bekannten und unbekannten treuen Lesern ein besinnliches, ruhiges und gesundes Weihnachtsfest wünschen!

Vormittag kommen Olav und meine Schwester, bevor ich zum Dienst muss. Meine Schwester bringt mir Kartoffelsalat, den wir traditionell immer zu Weihnachten machen. So kann ich im Dienst wenigstens weihnachtlich essen.... Es ist auch schön, jemanden von der Familie zu sehen, auch wenn es nur ein Stündchen ist, denn dann muss ich zur Arbeit......

Nach Feierabend fahre ich zu Norberts Mutter, wo ich noch etwas verweilte und wir dann gemeinsam den Heimweg antraten. Dann wird es 3 Uhr, als wir schlafen gehen.

Dienstag, 23.12.2003

Da ich in diesen Tagen vor Weihnachten öfter als sonst an die vielen Eltern und Verwandten denken muss, denen es wie mir geht, bin ich vormittags wieder einmal auf anderen Gedenkseiten unterwegs. Einigen schreibe ich ins Gästebuch, sende stille Weihnachtsgrüße und wünsche ihnen die Kraft, die wir brauchen. Beinahe vergesse ich in meinen Gedanken die Zeit, denn die Spätschicht rückt immer näher...

Schnell gehe ich vor dem Dienst noch mit Jill zur Gassi- Runde und staune, denn im Briefkasten ist bereits der Brief von Steffi. Ich öffne ihn und habe irgendwie Angst, dass etwas Schlimmes drin stehen könnte. Aber eigentlich habe ich Grund zur Freude, denn Steffi schreibt mir etwas von sich, was sie mir bisher nicht erzählt hat. Sie hatte immer Angst, dass ich sie dann nicht mehr verstehen würde, und das hat sie zusätzlich sehr belastet. Ich finde es gar nicht so schlimm, sondern freue mich eher darüber. Jedoch möchte ich hier im Tagebuch nicht darüber schreiben, sondern es Steffi überlassen, es sei denn, sie gibt mir beim nächsten Besuch oder Telefonat "grünes Licht". Ich möchte nicht ungefragt Dinge von ihr veröffentlichen. Aber ich bin so froh, dass sie es mir geschrieben hat, denn oft verstand ich einiges nicht so richtig, was mir jetzt natürlich erklärlich ist.

Für den Leser sind das jetzt bestimmt die reinsten Rätsel, aber bitte versteht mich....

Leider habe ich heute keine Tour in der Nähe der Klinik.... Aber ich gucke auf die Uhr, zwischen 15 Uhr und 20 Uhr kann man auf diesem Patiententelefon auf Station anrufen. Also nutze ich eine kleine Pause, und wähle zur passenden Zeit mit meinem Handy die Nummer.... Hab' ich ein Glück! Steffi ist diejenige, die diesen Anruf annimmt! Ich sage ihr, wie froh ich bin, dass sie mir diese Zeilen geschrieben hat und dass es in meinen Augen ein riesengroßer Schritt ist, den sie gemacht hat. Wie gern würde ich sie jetzt in den Arm nehmen! Sie sagt mir, welche Angst sie hatte, als sie mir schrieb.... Ich versuche, ihr klar zu machen, dass es nichts an unserem Verhältnis ändern wird - im Gegenteil.... Ich kann es kaum abwarten, sie wie eine Tochter wieder in den Arm zu nehmen. Auch sie hat große Sehnsucht nach mir und sagt mir, wie lieb sie mich hat.... Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll....

Montag, 22.12.2003

Mein erster Arbeitstag nach der Krankschrift. Na ja, Husten und Schnupfen sind zwar noch nicht weg, aber es geht so einigermaßen. Ich freue mich, dass wir aufgrund einer günstigen Tour unsere Pause in der Nähe der Klinik haben, wo Steffi ist. Also überrasche ich sie mit einem Kurzbesuch. Leider geht es ihr nicht gut, gerade hat sie Medikamente bekommen.... Sie erzählt mir, dass sie heute einen Brief an mich geschrieben und abgeschickt hat.

Sonnabend, 20.12.2003

Am Vormittag erledigen wir mit Norbert noch einige Einkäufe und verfluchen den Stress, den das Weihnachtsfest jedes Jahr mit sich bringt. Ist es nicht schlimm, was aus dem Weihnachtsfest geworden ist? Alle Welt kauft sich dumm und dämlich. Wenn es nach mir ginge, bräuchten keine Geschenke unter dem Weihnachtsbaum zu liegen, für mich ist das sowieso alles unwichtig geworden....

Nach dieser Einkaufstour wird es zeitlich eng, zumal wir nicht einmal alles bekommen haben. Wir haben zu hause noch eine halbe Stunde Zeit, wenn wir pünktlich zu Beginn der Besuchszeit bei Steffi sein wollen, und das möchte ich.... Auf die Schnelle trinken wir einen Kaffee, essen ein paar Kekse und machen uns dann auf den Weg zu Steffi in die Klinik....

Wir müssen an der Station klingeln, denn es ist abgeschlossen. Eine Schwester macht uns auf, und wir gehen in Steffis Zimmer. Sie liegt in ihrem Bett und schläft, das kleine Plüsch- Nilpferd von Jana hält sie im Arm..... Ein Küsschen von mir, Steffi blinzelt und freut sich, Norbert und mich zu sehen. Ich nehme sie wieder ganz fest in den Arm, nachdem sie merkt, dass unsere Anwesenheit kein Traum ist. Ich bin einfach nur froh, Steffi im Arm zu halten! Aber ich muss heute laufend daran denken, dass ich sie wohl frühestens in einer Woche wieder besuchen kann. Besuchszeit ist ab 15 Uhr, und ich habe kommende Woche Spätschicht zwischen 12 und 22 Uhr. Ich habe Heiligabend und an beiden Feiertagen Dienst, denn da ist bei uns immer Hochbetrieb. Da werden alle „Omas“ und „Opas“ aus den Heimen zu ihren Verwandten gebracht, verständlich... Mir persönlich macht es nichts aus, Weihnachten arbeiten zu müssen. Früher war das anders, da wartete Jana auf mich, auch wenn es nach 23 Uhr war, ohne mich wollte sie keine Bescherung machen... Heute bin ich fast froh, wenn ich arbeiten muss, denn Weihnachten wird nie wieder so sein wie früher.... Aber ich wäre froh gewesen, wenn ich Weihnachten hätte bei Steffi sein können oder sie bei mir....

Ich erzähle Steffi heute, dass ich von meinen Besuchen bei ihr im Tagebuch geschrieben habe, habe ihr auch die letzten Einträge ausgedruckt. Ich frage sie, ob sie etwas dagegen hat, aber sie vertraut mir und möchte, dass ich über dieses Tagebuch alle von ihr grüße, die sie kennt. Dies möchte ich hiermit tun.....

Auf dem Heimweg, während dem ich gedanklich immer noch bei Steffi bin, halten wir mit Norbert noch bei Karstadt. Danach können wir die letzten Dinge auf unserem Einkaufszettel endlich abhaken...

Abends klingelt das Telefon, Janas Schulfreundin Linn ruft an. Auch sie nimmt großen Anteil daran, wie es Steffi geht und will sie gleich auf Station anrufen. Doch Linn hat es wohl nicht geschafft, denn das Patiententelefon ist auch laufend besetzt, als ich es nochmals versuche. Als ich gerade mal kurz nach 20 Uhr Steffi über dieses Telefon erreiche (nach fast 45 Minuten endlosem Wählen), hatte sie keinen Anruf von Linn.....

Was ich jedoch nicht verstehe: ein Münztelefon für alle Patienten auf dem Flur der Station, da steht weder Schwester noch Pfleger daneben. Wenn es klingelt, gehen die Patienten ran und holen denjenigen, nach dem verlangt wird. Aber Handys sind verboten. Warum? Es gäbe darüber bestimmt verschienene Meinungen, aber passt solch ein Verbot noch in unsere heutige Zeit?

Freitag, 19.12.2003

Ursprünglich wollte ich heute eine „Tagebuchpause“ einlegen, da es ein stinklangweiliger Tag war. Habe etwas Hausarbeit nachgeholt, wozu ich in den letzten Tagen "keinen Bock" hatte.....

Aber dann ist mir doch etwas passiert, worüber ich mich köstlich amüsiert habe und gern andere daran teilhaben lassen möchte: Ich gehe um 18 Uhr mit Jill die abendliche Gassi- Runde. Wir begegnen einer schwarzen französischen Bulldogge. Herrchen fragt mich, ob Rüde oder Hündin. Dann lassen wir die beiden etwas spielen, denn Jill ist wie immer sowieso kaum zu halten. Irgendwann kommt der kleine Rüde zu mir. Ich denke, dass ich ihn mal streicheln kann... Aber Irrtum meinerseits, er hebt das Bein und hält mich wohl für einen Baum......

Na ja, wer den Schaden hat, braucht bekanntlich für den Spott nicht zu sorgen.......

Donnerstag, 18.12.2003

Nach nunmehr 22 Jahren läuft am heutigen Tag wieder dieser Film vor mir ab: Jana war dreieinhalb Monate, ich gab ihr vormittags um 10 Uhr die Flasche und fuhr dann zu Raimund ins Krankenhaus. Er wusste damals nicht, was passiert war. Als er mich anfangs danach fragte und ich ihm sagte, dass er aus dem Fenster gestürzt ist, meinte er: „Da muss doch bei mir eine Schraube locker gewesen sein!“

Eine gute Freundin sagte damals zu mir, dass mit jedem Tag, den Raimund überlebt, die Chancen größer werden. Nun waren es bereits fünf Wochen und ich hatte alle Hoffnung.....

Ich hatte, wie jeden Tag, Jana in der Tragetasche mitgenommen, da sein „kleines Füchslein“ (Jana hatte anfangs leicht rötliche Haare) sein ganzer Stolz war. Zielbewusst ging ich auf der Station zu dem Zimmer, in dem Raimund lag. Ich wollte gerade die Türklinke in die Hand nehmen, da nahm mich eine Ärztin beiseite und fragte, ob ich denn nicht das Telegramm bekommen hätte. Welches Telegramm? Raimund hatte noch eine kleine Wohnung, die wir mal zusammen mit meiner gegen eine größere tauschen wollten (typisch zu DDR- Zeiten). Obwohl ich im Krankenhaus ausdrücklich auf meine Adresse hingewiesen und die Telefon- Nr. von Nachbarn für den Notfall hinterlegt hatte, schickte man nachts ein Telegramm an Raimunds Meldeadresse. Die Ärztin sagte mir dann, dass sich Raimunds Zustand nachts verschlechtert hatte und man nichts mehr für ihn tun konnte. Er war um 2.10 Uhr verstorben. Ich hatte das Gefühl, der Boden unter mir sackt weg. Ich hätte schreien können, aber war stumm..... Die nächsten Stunden und Tage erlebte ich wie in Trance, ich war nicht auf dieser Welt, aber ich musste funktionieren, meinen Kindern zuliebe...

Als ich damals einige Zeit später in Raimunds kleine Wohnung fuhr, war dort das Telegramm im Briefkasten: „Zustand verschlechtert, bitte auf Intensivstation melden“

Ich fahre heute früh auf den Friedhof, zünde für Jana und Raimund Kerzen an, aber meine Fragen an beide bleiben unbeantwortet. Ich hoffe nur, dass Jana, dort wo sie nun ist, ihren Papa gefunden hat. Sie hat mich oft nach ihm gefragt, ich musste ihr viel von ihm erzählen. Ich glaube, sie hat ihn immer sehr vermisst.....

Nach meinem Friedhofsbesuch besorge ich noch einige Dinge für Steffi, um ihr den Klinik- Aufenthalt etwas angenehmer zu gestalten. Ich kann ja kaum mehr tun, als für sie da zu sein und ihr ein paar kleine Freuden zu bereiten. Als ich trotz einsetzendem Berufsverkehr wieder pünktlich um 15 Uhr zum Beginn der Besuchszeit eintreffe, freue ich mich, dass sie von meinem Besuch überrascht ist, denn sie hat erst Sonnabend mit mir gerechnet. Steffi liegt in ihrem Bett, kuschelt mit dem Plüsch- Nilpferd, welches ich ihr gestern aus Janas Nilpferdsammlung mitgebracht habe. Sie hält das kleine Plüsch- Nilpferd im Arm wie einen kleinen Schatz.... Ich freue mich, dass ich ihr damit eine so große Freude bereiten konnte. Ich lasse Steffi die zwei Tüten, die ich mitgebracht habe, selber auspacken. Sie strahlt und wird verlegen..... Sie sagt, dass sie nicht weiß, wie sie mir danken soll. Aber ich mache ihr begreiflich, dass ihre Freude und ein Lächeln auf ihren Gesicht für mich der schönste Dank ist. Was kann ich denn sonst tun? Fühlte mich in letzter Zeit wieder so hilflos..... Ich bin so froh, dass sie diesen mutigen Schritt gegangen ist, freiwillig in die Klinik ging, um gesund zu werden. Ich will für sie da sein, denn ich habe sie sehr, sehr lieb. Sie ist für mich wie eine zweite Tochter, die mich braucht...... Ich habe unendlich Angst, ihr gegenüber zu versagen, das würde ich mir nie verzeihen....

Steffi hatte heute ihre ersten Therapien, ich frage sie nach Einzelheiten und lasse sie erzählen. Bereitwillig erzählt sie mir alles, wonach ich frage. Bei der Musiktherapie hat sie sich noch kein Instrument ausgesucht, sondern nur abseits gesessen.... Ich denke mal, dass dies fast „normal“ ist. Da ist sie sicher nicht die Erste, die sich in der ersten Therapiestunde zurückhält.....

Nachdem ich eine knappe Stunde da bin, treffen wir mit Steffi ihre Mutter und ihre Schwester auf dem Flur, die scheinbar gerade gekommen sind. Somit verabschiede ich mich langsam von Steffi ..... Eine lange Umarmung, ein Küsschen, ich bin trotzdem traurig, denn ich möchte Steffi einfach immer festhalten und nicht loslassen.... Aber der Sonnabend ist nur knappe 48 Stunden entfernt, dann kann ich Steffi wieder in den Arm nehmen....

Mittwoch, 17.12.2003

Ich bin ein ungeduldiger Typ: mir geht alles zu langsam.... Ich werde nachts immer noch vom Husten wach und sitze im Bett, obwohl er langsam lockerer wird. Ich habe zwar nicht mehr diese regelrechten Niesanfälle und das plötzliche Tränen der Augen, aber trotzdem ist der Verbrauch an Taschentüchern immer noch überdurchschnittlich hoch, und der ständige Druck auf dem Kopf ist noch da.

Somit fällt es mir zwar nicht leicht, aber ich fahre zu Steffi. Ich habe es ihr versprochen, dass ich sie sobald wie möglich besuche. Heute ist ihr dritter Tag in der Klinik, ab heute darf sie Besuch erhalten. Ich möchte sehen, wie es ihr geht, möchte sie in den Arm nehmen und für sie da sein. Den ganzen Vormittag bin ich bereits richtig aufgeregt, aber Besuchszeit ist erst ab 15 Uhr. Trotz einsetzendem Berufsverkehr und Stau schaffe ich es pünktlich zu Beginn der Besuchszeit da zu sein und kann Steffi endlich in den Arm nehmen.... Sie freut sich sehr, dass ich da bin. Jedoch merke ich, wie sie durch Medikamente ruhig gestellt ist. Sie erzählt mir auch, dass sie viele Medikamente bekommt. Ihre Augen sind so traurig, wir halten uns ständig an den Händen fest. Steffi sagt mir, dass sie sich so allein vorkommt.... Am liebsten würde ich Steffi mit nach hause nehmen., aber damit würde ich ihr wohl kaum helfen. Ab morgen hat sie einen Therapieplan, die ersten Tage ließ man ihr zur Eingewöhnung. Obwohl ich ihr bereits ein paar nützliche Kleinigkeiten und etwas Naschereien mitgebracht habe, frage ich sie, was sie noch wirklich gebrauchen kann. Ich verspreche ihr, spätestens Sonnabend wieder zu kommen, aber ich werde wohl gleich morgen noch mal hinfahren.....

Eigentlich wäre an dieser Stelle der heutige Tagebucheintrag beendet gewesen, denn nun bin ich wieder zu hause, und alles läuft normal.... Aber normal ist diese Woche kaum etwas, denn ich bin froh, dass ich diese Woche nicht allein bin und Norbert jeden Tag kommt.....

Heute geht mir auch etwas ganz anderes durch den Kopf, denn genau heute vor einem Jahr habe ich mich von Jeannie, Janas Rottweiler, verabschiedet.... Heute vor einem Jahr habe ich geheult wie ein Schlosshund, als ich dem abfahrenden Auto mit Jeannie hinterher sah...... Ich muss schon den ganzen Tag daran denken und bin wieder einmal so unendlich traurig... Ich habe lange nichts von Jeannie gehört, also nehme ich den heutigen Tag zum Anmaß, um einfach mal anzurufen. Hätte ich dies doch nur schon eher getan, denn dieses Telefonat tut richtig gut! Jeannie hat nach der Begleithundeprüfung inzwischen auch die Zuchttauglichkeitsprüfung bestanden, dann die Schutzhundeprüfung, allerdings im zweiten Anlauf, da man beim ersten Mal „null Bock“ auf Fährte hatte. Sie hat eben ihren eigenen Kopf, aber nie bösartig! Wie gern würde ich sie wieder einmal streicheln...

Das ganze Gegenteil im Temperament ist Jill. Vor einigen Tagen kam ich mit ihr vom Gassi gehen die Treppen hoch, Jill war nicht an der Leine und bleibt immer gern an den Treppenfenstern stehen (die eine durchgehende Fensterfront haben), um „das spannende Straßenleben“ zu beobachten. Auf „Komm“ oder anderen Kommandos reagiert sie dann kaum. Also ging ich in die Wohnung, Jill stand noch zwei Etagen tiefer am Fenster, ich ließ die Wohnungstür etwa handbreit offen.... Irgendwann stand Jill vor der Tür, den Kopf gesenkt, wusste nicht, wie sie durch diese schmale Öffnung hinein kommen sollte. Jeannie hätte es gewusst... Jeannie hätte die Tür aufgestoßen, hätte vor mir gestanden und mich angeschaut, als wollte sie sagen: „Frauchen, hier bin ich :-))" Aber Jeannie hätte auch nie so lange aus dem Treppefenster geschaut, ich hätte sie nie rufen müssen, wie unterschiedlich doch Hunde sein können..... Ich hänge sehr an Jill, aber vermisse Jeannie oft so sehr , doch weiß ich, dass ich Jeannie nie das hätte bieten können, was sie jetzt hat.....

Nun geht es mir etwas besser, nachdem ich mit Jeannies neuem Herrchen ausgiebig telefoniert habe und wir einiges „nachgeholt“ haben.

 

Montag, 15.12.2003

Das Aufstehen fällt mir sehr schwer, denn ich bin durch den Husten nachts oft wach geworden und fühle mich wie gerädert. Also kurze Gassi- Runde mit Jill, dann zum Arzt.... Glücklicherweise ist es nur um die Ecke, kann also hinlaufen, denn mir ist nicht mal nach Auto fahren, und das will schon etwas heißen! Das Wartezimmer beim Arzt ist voll, ich warte eineinhalb Stunden..... Wie ich vom Arzt erfahre, kursieren zur Zeit zweierlei Infekte, Atemwegs- und Magen- Darm- Erkrankungen. Falls sich meine Symptome verschlimmern, müsste ich Mittwoch wiederkommen. Wenn es besser wird, gilt meine Krankschrift bis Freitag, dann könnte ich nächste Woche wieder arbeiten. Ich hoffe mal auf letzteres.....

Sonntag, 14.12.2003

Ich komme morgens kaum aus dem Bett, ich schwitze und friere zugleich. Ich weiß nicht, wie ich morgen arbeiten soll.... Ich werde wohl zum Arzt gehen.

Als Norbert anruft, verabreden wir, dass er kommt, auch wenn ich nicht so gut drauf bin. Aber ich freue mich, wenn es doch nur da ist....

Nachmittag telefoniere ich nochmals mit Steffi, sie ist nicht gut drauf. Ich kann sie kaum aufmuntern, wie auch? Aber ich lasse sie nochmals wissen, dass ich da sein werde....

Sonnabend, 13.12.2003

Ich telefoniere mit Norbert, er bleibt zu Hause, denn mir geht es nicht besser, eher im Gegenteil... Trotzdem freue ich mich und raffe mich auf, so gut es geht, denn Steffi kommt. Am Montag geht sie nun in die Klinik, und wir wollen uns noch einmal sehen. Sie hat große Angst, zumal sie nicht weiß, wie es dort sein wird. Viele unbeantwortete Fragen: wird sie vorerst „eingesperrt“, darf sie Kontakt nach draußen haben, und, und, und... Aber ich versuche ihr klar zu machen, dass alles seinen Sinn haben wird. Auf jeden Fall bin ich sehr froh, dass sie es geschafft hat, diesen notwendigen Schritt zu tun, denn auch ich kam bzw. komme mir ihr gegenüber sehr hilflos vor. Steffi genießt den Tag bei mir, zumal auch Olav noch unverhofft auftaucht. Ich bin sehr traurig, als Steffi abends geht und ich nicht weiß, ob ich sie sobald wiedersehen kann. Aber wenn möglich, werde ich sie besuchen. Sie soll wissen, dass ich immer für sie da sein werde....

Freitag, 12.12.2003

Als ich früh aufstehe, würde ich am liebsten ins Bett zurückfallen. Mein Schädel brummt, beim Schlucken und Husten habe ich das Gefühl, ich würde ein Reibeisen durch meinen Hals ziehen. Aber ich kann nicht einfach ins Bett zurück, denn Jill will Gassi gehen. Ich bin froh, als ich wieder in der Wohnung bin, denn ich fühle mich furchtbar schlapp.

Ich merke, dass es mehr als nur ein kurzes Unwohlsein ist und melde ich mich in der Firma krank. Es wäre wohl verantwortungslos in diesem Zustand Fahrgäste zu befördern. Ich werde also versuchen, mich über das Wochenende etwas zu kurieren und durchforste meine Hausapotheke nach vorhandenen Grippemitteln....

Mit Norbert vereinbaren wir am Telefon, dass er nicht nach der Arbeit zu mir kommt, sondern erst morgen. Ich bin heute kein guter Gesellschafter und am liebsten allein. Da muss ich kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich mit dieser Erkältung nicht gut gelaunt bin.

Nachdem ich mich mittags nach der zweiten Gassi- Runde kaum noch auf den Beinen halten kann, lege ich mich hin und „verschlafe“ regelrecht den ganzen Nachmittag. Als ich wach werde, ist es mittlerweile dunkel. Nun muss Jill nochmals runter. Dann raffe ich mich auf, schreibe hier mein Tagebuch. Dabei brennen die Augen, in der Nase kribbelt es, also genug für heute.....

Mittwoch, 10.12.2003

Was ist eigentlich Langeweile? Ich kenne dies nicht, denn für mich ist jeder Tag zu kurz...... Was macht man also? Man begrenzt die Nachtruhe auf ein Minimum, um vor und nach der Arbeit etwas mehr Zeit zu haben. Also quäle ich mich morgens aus den Federn, damit ich meine Zeit optimal nutzen und mit einem Gefühl der Zufriedenheit zur Spätschicht fahren kann. Nun ist das Tagebuch wieder aktualisiert, etwas Zeit ist noch für ein paar Handgriffe im Haushalt, aber man guckt ständig auf die Uhr, wie viel Zeit einem noch bleibt. Dadurch hat man keine innere Ruhe. Da ist es schon angenehmer, wenn man Frühschicht hat und den Feierabend ohne Zeitbegrenzung genießen kann....

Dienstag, 09.12.2003

Heute sollen zwischen 8 Uhr und 11 Uhr unsere Heizungsröhrchen abgelesen und erneuert werden. Es könnte etwas knapp werden, da ich ab 11.45 Uhr Dienst habe. Aber die "gute Seele von nebenan" und gleichzeitig mein Hunde- Sitter Bernhard ist ja da... Wir nutzen gemeinsam die "Wartezeit" , um mal wieder zusammen einen Kaffee zu trinken und etwas miteinander zu reden. Gegen 9.30 Uhr sind die Heizungsröhrchen abgelesen, also zeitlich kein Grund zur Panik.....

Dann mache ich vor meinem Aufbruch noch eine Gassi- Runde mit Jill und fahre zur Arbeit. Unsere Fahraufträge sehen heute recht angenehm aus, dann storniert noch jemand, und wir haben reichlich Zeit, um zum vorletzten Fahrgast zu kommen. Zu unserem Glück führt uns der Weg dorthin wieder einmal fast an meinem Wohnhaus vorbei..... :-) Also keine Frage, wir nehmen Jill mit, die gerade vor dem Haus mit Bernhard Gassi geht. Welch eine Freude! Diese wird noch größer, als wir zum Feierabend auf den Garagenhof kommen und der Schäferhund Lobo von meinem Kollegen herauskommt, als wir den "Besuch" mit einem Klingeln ankündigen. Eva, die Frau des Kollegen, erzählt mir, dass sie sich nach unserem letzten Gespräch diese Homepage angesehen hat und sehr beeindruckt ist. Sie meint, dass es für mich bestimmt eine große Hilfe ist. Ja, sie hat Recht, aber auch solche Gespräche tun gut....

Jill und Lobo toben die verbleibende Zeit, bis ich Feierabend habe und die beiden "trennen " muss....

Zu hause angekommen, Schlüssel fast noch in der Hand, klingelt das Telefon: es ist Renate. Unser letztes Telefonat war vorige Woche, also haben wir uns einiges zu erzählen. Dann melde ich mich bei meiner Mutter, um zu fragen, ob der Brief mit den Fotos vom Grab angekommen ist. Meine Mutter hat keinen Computer und somit auch kein Internet und wollte gern aktuelle Fotos vom Grab haben.... Während unseres Telefonats klingelte es dann schon auf der zweiten Leitung..... Es ist Christoph, den ich bereits in Tagebucheinträgen vom 18.5. und 19.6. (und folgende) erwähnt habe. Wir haben lange nichts miteinander telefoniert. So vergeht fast eine weitere Stunde. Nun ist es eigentlich Zeit zum Schlafen, aber ich wollte heute Tagebuch schreiben.... Na ja, ich fange noch an und werde morgen den Vormittag vor der Spätschicht nutzen, falls nicht wieder etwas dazwischen kommt..... ;-) Man weiß ja nie....

Montag, 08.12.2003

Eigentlich haben wir einen relativ ruhigen Arbeitstag, wie man so sagt. Aber dieser Tag endet für mich sehr nachdenklich, denn in unserer Pause bin ich in der Nähe von Freunden. Das heißt, es waren einmal zwei, Peter ist kurze Zeit nach Jana an den Folgen und Komplikationen seiner Krankheit gestorben (Tagebuch vom 10.01.03). Ich hatte seit unserem Telefonat am 10. Januar keinen Kontakt mehr mit seiner Frau Edith. Ich war damals einfach überfordert, einen zweiten Todesfall zu verkraften. Aber später nagte immer mehr das schlechte Gewissen in mir, zumal ich doch wusste, wie sehr man Freunde braucht... Ich klingele, Edith macht auf, wir fallen uns spontan in die Arme und kämpfen beide gegen die Tränen. Es tut mir so unendlich leid! Ich nutze meine Pause, um Edith zuzuhören, mit ihr zu reden, die Zeit ist viel zu kurz.... Aber nun wird dieses Band nicht wieder abreißen, denn ich habe gemerkt, wie froh Edith über meinen Besuch war und wie gut ihr das Gespräch getan hat....

Sonnabend, 06.12.2003

Für die meisten Leute ist heute Nikolaustag, für mich nicht. Ja, früher machte es mir Spaß, meinem Kind eine kleine Freude zu machen, aber nun ist dieser Tag der Jahrestag der Beerdigung. Heute vor einem Jahr haben wir uns im engsten Kreise von Familie und Freunden für immer von Jana verabschiedet. Ich erfuhr damals von Janas Freunden, dass ihnen jemand von der Presse 50,-€ für den Beerdigungstermin geboten hat, aber niemand hat den Termin verraten. Dadurch versuchte ich auch, den Termin geheim zu halten, da ich keine Presse und kein Blitzlicht bei der Beisetzung haben wollte. Das Beerdigungsinstitut gab keine Auskünfte, der Friedhof machte keinen Aushang, alle Freunde sicherten uns Stillschweigen zu. Einen Tag vor der Beerdigung rief mich eine Journalistin von der Bild- Zeitung an und fragte wie es mir geht. Sie wusste, dass am nächsten Tag die Beisetzung ist, und mir verschlug es fast die Sprache. Woher sie es wusste, weiß ich nicht. Aber sie sicherte mir zu, dass niemand von der Bild- Zeitung auf dem Friedhof sein wird. Auf dem Weg zum Grab hatte ich panische Angst, dass jemand mit einem Fotoapparat am Weg steht, aber die Journalistin hatte Wort gehalten, nur wusste ich nicht, ob eine andere Zeitung vielleicht auch davon erfahren hatte. Seitdem habe ich mein Vorurteil über Journalisten revidiert, nicht alle sind so aufdringlich und unsensibel, wie am Tage nach Janas Tod (siehe Tagebuch vom 4.11.02)

Noch heute habe ich einen netten privaten Kontakt mit dieser Journalistin, wir telefonieren ab und zu miteinander und wollen uns irgendwann mal auf einen Kaffee treffen, nur haben wir dies durch unsere Dienstzeiten bisher nicht in die Reihe bekommen. Jedoch ist bekanntlich aufgeschoben nicht gleichzusetzen mit aufgehoben, und irgendwann sitzen wir zusammen, denn sie ist eine von denen, die zwar ihre Arbeit macht, aber nicht sensationslüstern ist, sondern sich auch ehrlich für den Menschen interessiert und Mitgefühl zeigt. Sicher nicht einfach für einen Journalisten, der ständig unter Stress steht, um dem Druck im Job standzuhalten, aber auch menschlich zu bleiben. Ich habe die Journalisten am Anfang verflucht, aber die Erfahrung gemacht, dass es "so'ne" und "solche" gibt..... Wie überall gibt es Leute, die ihren Berufskollegen den schlechten Ruf einbringen, so kenne ich es auch von meiner Arbeit....

Freitag, 05.12.2003

Erstaunlich, wie schnell diese Arbeitswoche verging, jedenfalls raste sie regelrecht an mir vorbei. Aber das ist typisch in der Frühschicht, die Spätschicht- Woche dagegen will immer nicht enden....

Wenige Minuten nach mir kommt Norbert, und ich freue mich, ihn in den Arm zu nehmen, weil wir uns Montag das letzte Mal sahen und in der Zwischenzeit nur telefonierten. Jill freut sich fast noch mehr, als bei meinem Erscheinen... Da könnte ich doch glatt eifersüchtig werden ;-)

Erst einmal werden die "Neuigkeiten" ausgetauscht, die wir uns am Telefon noch nicht mitteilten. Dann benötige ich Norberts Hilfe, um am Balkon einen grün leuchtenden Lichtschlauch anzubringen. Diesen hatte ich voriges Jahr mal als Sonderangebot bei Lidl gekauft, aber noch nie ausgepackt. Vor genau einem Jahr hatte ich nicht einen Tannenzweig in der Vase, keinen Räuchermann und keinerlei Weihnachtsdekoration ausgepackt. Das einzige war eine Kerze, die ich seit Janas Tod täglich für sie anzünde..... Dieses Jahr grüble ich bereits seit Wochen, was ich mache und stehe zwischen Baum und Borke, wie man so sagt.... Wenn ich manchmal nicht weiß, was ich machen soll, dann rede ich mit Jana und und höre ihre Antworten. Sie möchte nicht, dass ich nie wieder Weihnachtsschmuck heraus hole, aber es fällt mir schwer. Nun haben wir den Lichtschlauch angebracht, er leuchtet, und es sieht sehr schön aus. Ob Jana und Mario ihn sehen? Den beiden würde er bestimmt gefallen......

Mittwoch, 03.12.2003

Heute ist der 3. Dezember, jeden Monat am "Dritten" sagt man sich: schon wieder einen Monat länger, dass unsere Kinder nicht mehr da sind. Der Schmerz will einfach nicht weniger werden. Manchmal ist mir, als ob er eher immer größer wird. Ich will es einfach nicht wahrhaben und verstehen, dass die Zeit nicht stehen geblieben ist.......

Aber dafür habe ich heute ein Telefonat, was mir sehr gut tut.

Normalerweise erhalten wir gegen Mittag unsere Dienstzeiten für den nächsten Tag per Fax. Wenn ich dann Feierabend habe, kann ich sehen, wann ich morgen Dienst habe. Aber heute war noch kein Fax da. So rufe ich abends bei dem Kollegen an, der auf unserem Garagengrundstück wohnt. Ich habe seine Frau am Telefon, sie heißt auch Eva. Sie sagt mir meine Dienstzeit für morgen, dann schwatzen wir noch etwas. Noch heute Nachmittag haben wir uns über unsere Hunde amüsiert. Ich konnte vor dem letzten Fahrgast wieder einmal Jill von zu hause mitnehmen, die dann wie verrückt mit dem Schäferhund Lobo auf dem Garagengrundstück spielte. Ich fragte Eva, ob sich Lobo langsam wieder beruhigt hat, denn er ist immer ganz angetan von Jill, was auf absolute Gegenseitigkeit beruht. Dann erzählte ich ihr von dem Fahrgast neulich (Tagebucheintrag vom 24.11.), worüber ich mich so geärgert habe. So kommen wir auch auf Jana. Bisher wurde dieses "Thema" nicht direkt angesprochen, man unterhielt sich relativ neutral, wenn man sich sah. Erstmals sprechen wir darüber, wie es mir seit Janas Tod geht. Ich merke, dass Eva mich gut versteht. Auch erzählt sie mir von ihrer Angst, mit mir darüber zu reden. Da habe ich ihr von meinem ersten Arbeitstag erzählt, von diesen Berührungsängsten der Kollegen, denen ich es anfangs übel nahm, aber heute nachsehe, denn keiner wusste, was er zu mir sagen sollte... Es tut gut, das "Eis" schmelzen zu lassen, ich kann jetzt auch mit Eva reden und habe einen Menschen mehr, vor dem ich meine Maske ablegen kann, da er mich versteht....

Dienstag, 02.11.2003

Den ganzen Tag warte ich, ob sich Steffi meldet, leider nicht... Dann hoffe ich, dass sie vielleicht vor meiner Tür steht, wenn ich von der Arbeit komme, aber auch nicht. Nun habe ich meine Hausaufgaben gemacht, das Tagebuch aktualisiert und werde versuchen Steffi anzurufen....

Montag, 01.12.2003

Den ersten Tag der Arbeitswoche habe ich hinter mir, es ist ja immer der schwerste..... Eigentlich wollte ich einiges erledigen, Emails beantworten, Tagebuch aktualisieren..... Aber mein Ole- Bole meldet sich, Muttern muss wieder helfen und macht es gern. Olav soll wegen eines Schadenfalles in seiner Autoversicherung auf 155% hochgestuft werden und müsste dann vierteljährlich das Doppelte bezahlen. So rufe ich bei meiner Versicherung an, wo ich sein Auto als mein Zweitwagen mit nur 85% versichert bekomme. Ich bin wieder sehr glücklich, dass ich meinem Ole- Bole helfen kann.....

Dann gucke ich noch ins Sharpei- Forum auf der Homepage von Jills Züchter und bleibe eine Weile in einem Hunde- Online- Shop "hängen", aber verkneife mir eine Bestellung, obwohl neckische Dinge für jede Hunderasse angeboten werden....

Als ich mein Email- Programm wieder startete, ist eine Mail von Steffi da. Es geht ihr so besch.... Ich versuche sie anzurufen, aber der AB geht an. Als ich drauf spreche, kommt sie ans Telefon. Sie hatte nach den Gesprächen beim Krisendienst heute ihren ersten Termin beim Psychiater, und es war verdammt schwer für sie! Sie soll in eine Klinik und hat große Angst. Aber ich sage ihr, dass diese Angst dazu gehört und ich sehr stolz auf sie bin, dass sie schon diese ersten Schritte getan hat! Sie wird es schaffen, und ich möchte für sie da sein, wenn sie mich braucht. Vielleicht kommt sie morgen zu mir, ich möchte sie gern wieder einmal in den Arm nehmen....

Sonnabend, 29.11.2003

Wochenende - es steht nichts Außergewöhnliches auf dem "Plan". Auf jeden Fall will ich auf den Friedhof, denn in der Woche ist es nach der Arbeit dunkel. Aber zuerst frühstücken wir so richtig in Ruhe und überlegen schon mal, was noch eingekauft werden muss. Ich mache den Computer an, um, wie jeden Morgen nach Emails zu schauen. Dann surfe ich noch ein wenig, lande unter anderem auf der Seite von Wöhrl, wo ich auch mit Renate war und bereits schöne Sachen bekommen habe. Ich sehe einige Herrenjacken, die mir für Norbert sehr gut gefallen würden. Er redet in letzter Zeit laufend davon, dass er noch eine Jacke für den Winter braucht. Aber ich schaffe es nicht, ihn zu überreden, heute dorthin zu fahren. Er hat auf den Sonnabend keine Lust, aber in der Woche sicher noch weniger.... Ich bin fast am Ende mit meinem Latein. Dann sage ich einfach: "Na, wenn du nicht mitkommst, fahre ich allein." Nun erhebt er sich, und wir fahren zu Wöhrl. Dass man den Männern immer erst drohen muss *grins* Unser Einkauf verläuft sogar erfolgreich, wir haben in kürzester Zeit eine Jacke für Norbert und sogar noch zwei Strickjacken und einen Pullover. Da habe ich zum Überreden fast länger gebraucht, als der Einkauf dauerte *noch mal grins*

Dann fahren wir zum Friedhof, machen danach noch unseren Einkauf bei Lidl und sind sogar vor dem Beginn der Fußball- Bundesliga, die um 15.30 Uhr auf Premiere beginnt, zu Hause.....

Mittwoch, 26.11.2003 - zweiter Eintrag

Ich bin froh, als der Arbeitstag zu ende ist, denn es war leider wieder sehr stressig: ein Fahrgast, auf den wir lange warten mussten, da er noch nicht angezogen war und der nicht wusste, wo er im Klinikum Westend hin will und uns reichlich Zeit gekostet hat. Der nachfolgende kam durch die entstandene Verspätung nicht pünktlich zum Zahnarzttermin und war durch die Warterei total entnervt. Der Prellbock sind jedoch immer wir, obwohl wir nichts dafür können.... Unser letzter Fahrgast war eine nette Frau, die ich schon kenne, so lange ich Telebus fahre. Sie freute sich, mich nach längerer Zeit wiederzusehen. Dann jedoch sagte sie: "Sie haben doch eine Tochter, was macht die denn?" Diese Frau kannte Jana, da sie früher in den Schulferien oft auf dem Bus mitgefahren ist. Es machte ihr immer Spaß.... Die Frau war völlig geschockt, als ich ihr sagte, dass meine Tochter nicht mehr lebt. Nachdem ich ihr mitteilte, was passiert ist, konnte sie sich auch daran erinnern, nur wusste sie natürlich nicht, dass es meine Tochter war. Wie ich merkte, fehlten ihr fast die Worte, und dann meinte sie zu mir: "Das ist das Schlimmste, was einer Mutter passieren kann." Wie Recht sie hat.....

Als ich um 21.30 Uhr nach hause ankomme, laufe ich vor der Haustür meinem Sohn in die Arme, das tut gut nach diesem Tag! Ich muss ihn erst einmal ganz doll drücken..... Auch Jill mag ihn sehr und kann sich vor Freude kaum einkriegen :-)) Wir verbringen eine knappe Stunde zusammen, Muttern beseitigt noch nebenbei einen "finanziellen Engpass", aber dann halte ich ihn nicht länger fest, denn er wollte schon um 22 Uhr bei seiner Freundin sein. Noch mal ganz doll drücken, dann darf er gehen.....

Mittwoch, 26.11.2003

Ich erhalte heute Vormittag eine Email, in der man mich um eine Auskunft betreffs Behindertenbeförderung bittet. Um mir das Schreiben zu sparen, rufe ich an. Ein Vater holt über Weihnachten seinen Sohn nach Berlin, der im Rollstuhl sitzt, braucht aber Hilfe für Treppen. Da der Telebus nur für Berliner ist, kann ich keine verbindliche Auskunft geben. Ich bitte ihn, sich an unsere Zentrale zu wenden, um vielleicht Hilfe zu bekommen. Ich kann mich erinnern, dass ich vor Jahren mal einen Fahrgast hatte, der aus Köln zu Besuch war und für einige Tage in Berlin mit dem Telebus befördert wurde. Ich hoffe, dass diesem Vater und seinem Sohn geholfen wird und wünsche es ihnen von Herzen. Auch bin ich überzeugt, dass diese Leute sich bestimmt nicht über einen Hund im Bus beschweren würden.......

Dienstag, 25.11.2003

Ich komme von der Spätschicht, mache meine "Hausaufgaben" (aktualisiere mein Tagebuch), da klingelt das Telefon - es ist Olav... Er hat den Tagebucheintrag vom 20.11. gelesen und sagt mir, dass ihm dabei die Tränen gekullert sind.... Ich sage ihm, dass auch bei mir die Tränen liefen, als ich dies geschrieben habe, denn es kam von Herzen......

Ich telefoniere eine Weile mit meinem "Großen", vielleicht sehen wir uns morgen. Ich habe zwar wieder bis 21 Uhr Dienst, aber eventuell sehen wir uns wenigstens auf eine halbe Stunde... er will morgen mit seiner Freundin um Mitternacht auf seinen Geburtstag anstoßen - mein Ole- Bole wird am 27. November 32 Jahre - wo ist die Zeit geblieben?

Montag, 24.11.2003

Ich weiß nicht, ob jemand etwas mit meinen heutigen Zeilen anfangen kann, aber ich habe mich einfach furchtbar geärgert und muss mir dies von der Seele schreiben, denn auch dazu ist mein Tagebuch da. Ich habe bis 21 Uhr Dienst; vor dem letzten Fahrgast haben wir etwas Zeit und sind bei mir in der Nähe. Also was liegt näher, als bei mir vorbeizuschauen? Meine kleine Jill freut sich wie ein Schneekönig. Da ich nach Feierabend sowieso mit ihr hätte Gassi gehen müssen, nehme ich sie mit, spare mir also ein nochmaliges Treppen steigen (5 Etagen ohne Fahrstuhl!). Dann holen wir unseren letzten Fahrgast ab, eine relativ junge Rollstuhlfahrerin ca. 25 Jahre. Ich habe im Laufe der Jahre sofort einen Eindruck von meinen Fahrgästen, positiv oder negativ.... Kaum haben wir den Rollstuhl mit ihr in den Bus geschoben, da sagt sie: " Weiß das ihr Chef, dass sie den Hund immer mitnehmen?" Mir verschlägt es fast die Sprache, denn ich höre einen arroganten Unteron und ich sage ihr, dass ich den Hund nur heute dabei habe. Als wir am Ziel sind, bringt mein Beifahrer sie in die Wohnung, ich bleibe am Bus. Danach erzählt er mir, dass sie sich nochmals äußerte und meinte, dass es doch mit dem Hund verboten wäre..... Da war es mit meiner Ruhe aus:

Ich fahre nun seit 13 Jahren Telebus . Am Anfang tat mir jeder Behinderte in der Seele leid. Nach Feierabend konnte ich damals gedanklich nicht abschalten, weil ich vor lauter Mitleid fast kaputt gegangen bin. Dann machte ich leider auch die Erfahrung, dass wir als Fahrpersonal dieses Behindertenfahrdienstes von einigen (glücklicherweise wenigen!) Behinderten wie Sklaven behandelt werden. Da gibt es kein "Bitte" mehr, sondern Kommandos. Die Fahrgäste sind zur bestellten Zeit nicht fertig, wir müssen warten und können danach unsere vorgegebenen Fahrzeiten nicht einhalten.

Besonders ärgert es einen, weil es diesen Telebus nur in Berlin gibt, also ein Sonderstatus für die Behinderten der Hauptstadt, für ein geringes Entgeld, welches die eigentlichen Kosten nicht deckt und vom Senat finanziert wird.

(Anmerkung von mir: Vor einigen Tagen war in der Berliner Tagespresse zu lesen, dass auch dieser Telebus auf der Liste der Einsparungen des Senats steht, da es diese Dienstleistung nur in Berlin gibt und kein gesetzlich verbrieftes Recht ist....)

Ich habe im Laufe der Jahre durch Erfahrungen von Kollegen mitbekommen, dass ich kaum eine Chance hätte, wenn sich ein Fahrgast über einen Fahrer beschwert. Aber umgekehrt muss ich mir fast alles bieten lassen. Ich möchte hier nicht ins Detail gehen, was für mich eigentlich Unzumutbarkeiten sind, dann würde jetzt mancher Leser mit dem Würgereiz kämpfen.... Aber wir haben diese Leute zu befördern, diese Dienstleistung zu erbringen. Ich habe auch ab und zu Fahrgäste mit Hund zu befördern. Einmal "übergab" sich ein Hund während der Fahrt, ich durfte meinen Bus hinterher sauber machen.....

Glücklicherweise sind diese beschriebenen Negativerlebnisse bei meiner Arbeit in der Minderheit. Ansonsten hätte ich diese bisher 13 Jahre nicht durchgestanden. Ich habe nach wie vor Mitleid mit Fahrgästen, deren Schicksal ich auch nicht unbedingt teilen möchte. Aber auch wir, die eigentlich dazu da sind, um diesen Menschen eine Flexibilität zu ermöglichen, möchten wie Menschen behandelt werden!

Warum sind sich einige von den Behinderten nicht bewusst, dass sie in der Hauptstadt ohnehin schon einen Sonderstatus genießen? So mancher Rollstuhlfahrer auf dem Land wäre froh, wenn es dort einen Telebus gäbe.....

Hätte ich meinem Fahrgast heute sagen sollen: "Ja, wissen sie, ich hatte mal eine Tochter... Sie hat immer meinen Hund beim Gassi gehen mit ihrem Rottweiler mitgenommen, wenn ich arbeiten war.... Aber meine Tochter lebt nicht mehr...... Ich konnte den Rottweiler nicht behalten, bin auf Hilfe von Nachbarn angewiesen, aber auch Jill weggeben, das kann ich nicht......." Hätte sie mich verstanden oder Verständnis gehabt? Die Antwort darauf überlasse ich dem Leser......

Sonntag, 23.11.2003

Es ist bereits 9 Uhr durch, als ich von allein wach werde, eigentlich wollte ich eher aufstehen.... Aber es ist kein Grund zur Panik, wir frühstücken gemütlich, dann kommt Norberts Sohn, und wir fahren zusammen zum Friedhof. Auf dem Weg dorthin hole ich Blumen. Es sind gelbe Chrysanthemen, da ich hoffe, dass sich diese wieder lange halten werden. Die Blumen stellen wir in eine Grabvase, zwei Kerzen in die Laterne, eine für Jana, eine für Mario... Nie hätte ich gedacht, dass ich am Totensonntag einmal am Grab meiner Tochter stehen werde.....

Dann fahren wir zum Friedhof, auf dem seit 1987 das Grab von Norberts Vater ist. Es ist auch in seiner Familie Tradition, am Totensonntag auf den Friedhof zu gehen. Leider schafft jedoch Norberts Mutter nicht mehr den Weg dorthin, darum wird auch vom Friedhof die Pflege gemacht. Das Grab ist mit Tannengrün abgedeckt, obenauf liegt ein Gesteck, so wie es die meisten tun. Norberts Sohn hat Janas Grab mit der Winterbepflanzung so sehr gefallen, dass er den Vorschlag macht, das Grab seines Opas nächstes Jahr genauso zu gestalten. Ich freue mich, dass es ihm so gefallen hat....

Nach diesem zweiten Friedhofsbesuch gehen wir zu Norberts Mutter. Auch seine Tochter kommt mit ihrem Freund dorthin. Dann gehen wir alle zusammen essen, ebenso eine Tradition am Totensonntag. Es ist nur über die Straße, also für Norberts Mutter eingehakt zu schaffen. So ist das Wochenende auch fast vorbei, als wir am späten Nachmittag nach hause kommen....

Sonnabend, 22.11.2003

Nun ist endlich wieder Wochenende.... Ich bin natürlicherweise sehr froh darüber, vor allem, da ich in den letzten Tagen nur noch müde war. Immer um 4 Uhr dieser Wecker mit seinem nervenden Geräusch, das Aufstehen war nur noch Quälerei. Heute klingelt der Wecker nicht - *freu*

Seit gestern Abend ist auch wieder Norbert da, die letzten drei Tage war er zu hause. Nach einem gemütlichen Frühstück fahren wir los, um einiges zu erledigen und einzukaufen. Unser erstes Ziel ist der Friedhof. Wir sammeln wieder das Birkenlaub ab, ansonsten sieht alles gut aus. Die Lilien sind nach mittlerweile drei Wochen fast verblüht. Es sind zwar noch einige Knospen, aber man sieht, dass diese nicht mehr aufgehen werden. Um so erstaunlicher ist es, dass die Chrysanthemen immer noch frisch aussehen. Darum bringen wir es auch nicht fertig, diese zu entsorgen, also lassen wir sie weiter stehen. Auf dem Friedhof sind ungewöhnlich viele Leute zu sehen, alle richten die Gräber her, denn morgen ist Totensonntag. Auch wir werden morgen nochmals herkommen, für Jana und Mario Kerzen anzünden und frische Blumen hinstellen.....

Donnerstag, 20.11.2003

Kurz vor Feierabend klingelt mein Handy - Olav ruft an. Er fragt mich, wann ich zu hause bin. Die Freundin von meinem Sohn wohnt nur wenige Straßen von mir entfernt, er ist um 20 Uhr mit ihr verabredet und will vorher zu mir kommen. Ich freue mich sehr, als er um 17 Uhr vor meiner Tür steht, denn allzu oft sehen wir uns ja nicht. Als ich meinen Ole- Bole begrüße und in den Arm nehme, tut das unendlich gut! Es kann zwar kein Kind ein anderes ersetzen, aber ich bin so unendlich dankbar, dass ich ihn noch habe. Oft hatte Olav bestimmt das Gefühl, bei mir an "zweiter Stelle" zu stehen, da er bereits 10 Jahre alt war, als Jana geboren wurde. Durch den Tod von Janas Vater gab ich ihr alle Liebe, auch die, die ich Raimund nicht mehr geben konnte.... Ich erzog Jana mit wesentlich weniger Strenge, als Olav. Sicher lag es teilweise auch daran, dass ich mit meinen 28 Jahren beim zweiten Kind an viele Dinge gelassener heran gegangen bin. Bei Olavs Geburt war ich zwei Monate zuvor gerade 18 geworden und hatte noch das Abi vor mir......

Ich habe Olav nie weniger geliebt als Jana, vielleicht manchmal anders. Aber ich habe ihm meine Liebe weniger gezeigt, habe ihn auch seltener in den Arm genommen. Ganz sicher hat er es oft vermisst, und es tut mir heute unendlich leid. Ich schäme mich dafür und habe ein schlechtes Gewissen, zumal er doch nun derjenige ist, der mir geblieben ist. Diese Erkenntnis ist für mich sehr schmerzlich. Ich möchte in Zukunft jede Möglichkeit nutzen, meinen Sohn meine Liebe zu zeigen und ihn so oft wie möglich in den Arm nehmen.....

Dienstag, 18.11.2003

Nichts Neues im Staate Dänemark - so eine Redewendung. Meist sagt man dies, wenn man zu faul zum Erzählen ist..... Eigentlich gibt es auch nichts Neues, Kleinigkeiten für mich, wichtig oder interessant vielleicht für diejenigen, die dies hier lesen......

Na ja, um 4 Uhr aufstehen, wenn man Frühschicht hat, da weiß ich, dass mich keiner darum beneidet.... Ich freue mich aber jeden Tag, wenn ich zum Feierabend von Jill stürmisch begrüßt werde. Diese bedingungslose Treue, diese ehrliche Freude, einem Tier glaubt man es....

Manchmal philosophiere ich so vor mich hin und erinnere mich, was früher für mich wichtig war. Da hat sich so einiges verändert. Auch Freundschaften sehe ich heute anders als früher. Allein dieses Wort hat für mich eine völlig neue Bedeutung und Wertigkeit bekommen. Ich hatte ja bereits schon einmal geschrieben, dass ich Freundschaften "abgehakt", aber auch neue gewonnen habe. Ich hatte eine gute und langjährige Freundin..... Nach Janas Tod telefonierten wir, und als sie nach ca. 15 Minuten von mir erfahren hatte, was nicht in der Presse stand, schilderte sie mir fast eine Stunde lang ihre Beziehungsprobleme. Ich hatte verständlicherweise keinen Nerv dafür, hörte ihr aber geduldig zu. Seitdem haben wir nichts mehr voneinander gehört. Sie ließ sich nicht sehen und fragte auch nicht nach dem Termin der Beisetzung. Einige Monate vergingen, dann sah ich auf meinem Telefon im Display ihre Nummer , als es klingelte - ich ging nicht ran.... Seitdem hat das Telefon schon mehrmals ihre Nummer angezeigt - zuletzt, als wir auf der Autobahn auf dem Weg zu Renate waren. Ich weiß nicht, ob sie diese Homepage kennt und liest, vielleicht versteht sie dann, warum ich mich zurückgezogen habe.....

Montag, 17.11.2003

Nach langer Zeit habe ich heute wieder einen Termin beim Psychologen und fahre nach der Arbeit hin. Er meint, er habe den Eindruck, dass ich ihm heute bereits ganz anders gegenüber sitze als am Anfang und "lobt" mich für das, was ich an Trauerarbeit geleistet habe und auch noch tue. Er fragt mich auch nach dem Todestag und findet es sehr gut, dass wir Mütter diesen zusammen verbracht haben. Ich soll weiter die von ihm verschriebenen Tabletten nehmen, Anfang Januar wird das nächste Gespräch sein.

Sonntag, 16.11.2003

Da ich letzte Woche 8- Uhr- Schicht hatte, bin ich im Dunkeln zur Arbeit gefahren und ebenso nach hause gekommen. So konnten wir erst wieder am Wochenende auf den Friedhof, um nach dem Rechten zu schauen. Als wir gestern dort waren, staunte ich nicht schlecht, denn die Schnittblumen vom Todestag, Chrysanthemen von Renate und Lilien von mir, standen noch, als hätten wir sie gerade hingestellt. So haben wir nur Wasser in den Vasen aufgefüllt und Birkenlaub vom Grab abgesammelt....

Heute versuche ich, meinem schlechten Gewissen etwas Ruhe zu verschaffen, schreibe einige Emails an Leute, die bestimmt schon auf einige Zeilen von mir warten. Auch rufe ich meine Mum an, die sehr traurig ist, dass sie so wenig von mir hört. Es gibt so viele liebe Menschen: angefangen mit meiner Familie, Steffi, Renate, Bea und Csaba und weitere Freunde... Ich habe in letzter Zeit das Gefühl, dass mir alles über den Kopf wächst, dass ich es einfach nicht mehr schaffe... Ich habe immer mehr Angst, dass man es mir übel nimmt, wenn ich nicht jedem antworte oder mich bei einigen nicht regelmäßig melde. Als ich noch nicht arbeiten ging, war alles viel einfacher, ich konnte viele Emails schreiben, telefonierte oft mit Bea, die immer ein offenes Ohr für mich hatte. Nun ist es schon wieder Wochen her, dass wir mal telefoniert haben. Auch durch die Homepage waren so viele Kontakte entstanden, dass sie fast zu einem "Vollzeit- Job" wurden. Nun ist die Zeit nicht einmal mehr halb so lang, die Schichtarbeit kostet nicht nur Zeit, sondern auch Kraft, und Norbert sieht mich in meiner Freizeit auch fast nur am Computer sitzen. Ich habe rundherum nur ständig ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht mehr weiß, wie ich alles unter einen Hut bekommen soll......

 

Dienstag, 11.11.2003

Eigentlich ist es fast egal, ob ich heute Tagebuch schreibe oder nicht, denn es ist ein Tag, an dem nichts erwähnenswertes passiert ist. Aber dieses Tagebuch liegt nicht unter meinem Kopfkissen, sondern ist im Internet zu lesen. Darum muss ich einige Dinge vielleicht manchmal erklären, so wie einen Einkauf heute, der vielleicht normal ist, aber nicht für mich.... Ich hatte heute das Glück, dass ich Pause hatte, als ich mit meinem Telebus im Märkischen Viertel am Einkaufszentrum stand. Ich nutzte die Zeit, um "nur mal so zu gucken" und landete in einem Laden von "Nanu-Nana". Dort gibt es so gut wie alles, und sie haben lustige Geschenkideen. Ich gehe immer gern dort hinein, zuletzt mit Renate, da hatte ich ein paar schöne Gläser gekauft. Heute waren es zwei Kerzenständer für Teelichte - und ein Schaf......

Mit dem Schaf hat es eine ganz bestimmte Bewandtnis. Eigentlich sammle ich (wie Jana) Nilpferde. Aber Jana hatte in der letzten Zeit etwas angefangen, was ich sehr niedlich fand. Immer, wenn sie mit etwas nicht einverstanden war und nicht gleich Streit anfangen wollte, sagte sie zu mir nur: "mäh" Dann konnte ich immer nur lächeln, nahm sie in den Arm und sagte zu ihr: "mein kleines Schaf" Mein schnurloses Telefon bekam daraufhin den Namen "Mama Schaf", es steht noch heute im Display.... Aufgrund dessen kann ich heute kaum an diesen Tierchen vorbei gehen, ohne an Jana zu denken. In dem Glasteil von Janas Schrankwand stehen über ihren Motorradmodellen Schäfchen als Teelichte - natürlich zünde ich sie nie an.... Das Schaf, das ich heute gekauft habe, ist eigentlich eine Sparbüchse und steht nun hier auf dem Schreibtisch.

Auch auf Janas Grab steht ein kleines Schaf.....

Sonnabend, 07.11.2003

Nachdem ich mich gestern mit Hausarbeit ausgepowert habe, um mich etwas abzulenken, freute ich mich, als abends Norbert kam. Heute fahren wir mittags zu Uwe, Jills Züchter. Jill hat immer noch die Fäden in den Augenlidern. Ich mache mir Sorgen, weil das Auge zwar wesentlich besser aussieht, aber noch nicht zufriedenstellend. Uwe kann mich beruhigen und sagt mir, dass es in Ordnung ist und seine Zeit dauert. Er zieht auch die Fäden, aber dabei schaue ich wieder weg.... Wir nutzen bei unserem Besuch auch die Gelegenheit, um uns die Welpen anzuschauen. Ich hatte sie ja schon einmal gesehen. Norbert ist das erste Mal mit bei Uwe. Aber auch er ist ganz hin und weg, als er die kleinen Racker sieht. Ich fühle mich zurückversetzt in die Zeit vor knapp eineinhalb Jahren. Damals war ich mit Jana da. Wir schauten uns ebenso die Welpen an und schlossen Jill sofort in unser Herz, die damals noch "World History" hieß. Dann besuchten wir sie jede Woche, nahmen sie auf den Schoß, kuschelten mit ihr, um sie an uns zu gewöhnen. Eine Woche vor dem "Abholen" nahmen wir damals Janas Rottweilerhündin Jeannie mit und probierten eine erste Begegnung. Jeannie schnüffelte Jill kurz ab, dann interessierte sie sich bereits wieder für andere Dinge - also keine Angst vor der Zukunft. Jill saß nur da, zitterte wie Espenlaub und hoffte, dass alles bald vorbei ist. Das änderte sich später schnell. Im neuen Zuhause lebte sich Jill schnell ein und wollte ständig mit Jeannie toben.

Donnerstag, 06.11.2003

Das Frühstück schmeckt heute kaum, und mir wird immer komischer, wenn ich an Renates Abreise denke. Wir umarmen uns öfter als an den anderen Tagen oder halten einfach einander die Hände und schauen uns dabei traurig in die Augen. Wir fahren etwas eher los und parken vor dem Bahnhof Zoo. Dann schlendern wir ein letztes Mal am Breitscheidplatz durch die City und gehen noch gemütlich Mittag essen.

Die Zeit rückt leider immer näher, also holen wir das Gepäck aus dem Auto und gehen in den Bahnhof Zoo. Als Renate in den Zug einsteigen will, würde ich sie bei der letzten Umarmung am liebsten festhalten, aber auch ihr fällt der Abschied sehr schwer. Ich kann nichts machen, der Zug setzt sich um 13.41 Uhr in Bewegung und ist sehr schnell aus meinem Blickfeld verschwunden...

Renate sitzt im Zug, ich wieder allein hier am Computer.... Ich bin so unendlich traurig! Tagebuch schreiben hat mir schon oft geholfen, aber heute kaum, eher im Gegenteil, denn mit jedem Wort ist Renate weiter weg.....

Es war einfach wieder schön mit ihr, das gegenseitige Verstehen ohne viele Worte, diese Vertrautheit..... Bei Renate brauche ich meine "Maske" nicht, ich kann ihr alles sagen, muss nichts erklären, sie versteht mich immer. Das beruht auf Gegenseitigkeit. Wir haben während der letzten Tage wieder sehr viel über unsere Kinder geredet, haben die schlimmsten Momente unseres Lebens ein zweites Mal durchlebt. Aber wir haben uns, und daraus schöpfen wir den größten Teil unserer Kraft. Gemeinsam haben wir es sogar geschafft, auch wieder Spaß zu haben und zu lachen, und unsere Kinder sind immer dabei......

Mittwoch, 05.11.2003

Heute ist keine "Shopping- Tour" angesagt, sondern ernsthaftes Einkaufen. Wir suchen eine neue Grablaterne für den Friedhof, weil die bisherige auf Janas Grab ausgedient hat, da die Metallteile anfangen zu rosten. So fahren wir in die "Domäne" nach Siemensstadt, aber finden leider nicht das, was wir suchen. So kommen wir ins Grübeln, wo man denn so etwas noch bekommen kann. Wir fahren in einen Baumarkt nach Spandau. Dort werden wir fündig. Wir entscheiden uns für eine rote Metalllaterne und fahren dann zum Friedhof. Es liegt wieder viel Laub von einer Birke auf dem Grab, und wir sammeln erst einmal ab... In die neue Laterne passen sogar zwei Kerzen, und so zünden wir für unsere Kinder zwei Lichter an und stellen sie in die neue Laterne. Wir stehen am Grab, halten uns an den Händen und wissen, dass unsere Kinder uns sehen und sich freuen....

Am Nachmittag sind wir bei den Redakteuren von Akte03 auf einen Kaffee eingeladen. Um 16.30 Uhr treffen wir dort ein. Die Zeit vergeht wie im Fluge. Es gibt ausreichend Gesprächsstoff, aber auch Akte- Redakteure haben nicht endlos Zeit. Also treten wir wieder den Heimweg an, zumal auch die Futterzeit für Jill heranrückt.....

Abends wird mir langsam komisch, denn morgen Mittag ist unsere gemeinsame Zeit schon wieder vorbei. Renates Zug fährt kurz nach 13 Uhr. Wann wir uns wiedersehen, wissen wir noch nicht. Glücklicherweise gibt es aber das Telefon, wir werden also viel telefonieren, wie immer.....

Dienstag, 04.11.2003

Renate und ich, wir fahren gegen 10 Uhr nach Reinickendorf ins Märkische Viertel. Wir wollen in einen bestimmten Laden, aber es gibt noch viele andere, in die wir hineingehen.... Eigentlich haben wir nicht viel Zeit, da wir um 14 Uhr eine Verabredung haben. Aber während ich in einer Umkleidekabine eine Hose probiere, klingelt mein Handy. Leider muss unser Treffen ausfallen, es tut beiden Seiten sehr leid, ist aber ist nicht zu ändern... Na gut, so schauen Renate und ich nun nicht mehr auf die Uhr, und unsere Shopping- Tour dauert nun länger als geplant. Da wir etwas bestimmtes suchen, fahren wir noch in ein anderes Einkaufszentrum, in die "Borsig- Hallen" nach Tegel. Wir sind selber erschrocken, als wir auf die Uhr schauen: kurz vor 19 Uhr sind wir zu hause, mit einigen Einkaufstüten..... Renate telefoniert abends mit Werner. Sie erzählt ihm von unserem Tag, und Werner scheint erleichtert, dass er heute nicht dabei war.... Ich schätze mal, dass es Norbert ähnlich geht, denn er hat keinen Urlaub und muss arbeiten. Unsere Männer waren noch nie begeistert, wenn wir Frauen von einem Laden in den anderen gehen und überall gucken müssen... Egal, was wir uns mit Renate angesehen haben oder probiert haben, immer tauschten wir aus, was unsere Kinder gerade dazu gesagt hätten. Ich hörte oft Jana sagen: "Mama, nimm's...." Renate hörte oft Marios Bemerkung: "willst du das wirklich anziehen?" Oft lächelten wir uns nur noch an, wenn wir uns die Kommentare unserer Kinder gegenseitig mitteilten....

Montag, 03.11.2003

Es fällt schwer aufzustehen. Nun jährt sich der schlimmste Tag in unserem Leben. Wir sind beide froh, dass wir den anderen an unserer Seite haben. Wir fahren zum Friedhof und stellen für unsere Kindern Kerzen und Blumen aufs Grab. Wir sind fassungslos, dass Jana und Mario nun schon ein ganzes Jahr nicht mehr bei uns sind. Uns ist, als wäre es gestern gewesen.

Auf dem Friedhof begegnet uns Steffi, Janas Internetfreundin, die auch zum Todestag an Janas Grab kommt. Ich umarme sie und bin froh sie zu sehen, denn ich weiß, dass es ihr in letzter Zeit sehr schlecht geht. Ich mag sie sehr, habe sie richtig lieb, aber komme mir so furchtbar hilflos vor, wenn ich merke, dass ich ihr kaum helfen kann.

Steffi kommt mit zu uns, dann kommt noch Janas Schulfreundin Linn. Es tut gut, dass Janas engste Freundinnen heute da sind.

Auch am heutigen Tag läuft dieser "Film" des Vorjahres vor unseren Augen weiter. Um 17.30 Uhr überbrachte man uns Müttern zeitgleich die Todesnachricht......

Den ganzen Tag über kommen Emails und Gästebucheinträge, viele Zeilen erreichen uns. An dieser Stelle von uns Müttern allen unseren herzlichsten Dank für die lieben Worte des Mitgefühls, des Trostes und der Anteilnahme!

Sonntag, 02.11.2003

Um 10 Uhr kommt ein Journalist von der "Berliner Morgenpost". Er rief mich vor wenigen Tagen an und sagte, dass er am ersten Todestag von Jana und Mario mit einem Artikel an beide erinnern möchte. Nachdem ich bei Renate nachgefragt und ihr Einverständnis erhielt, sagte ich ihm zu. Wir unterhalten uns fast eineinhalb Stunden.

Renate und ich, wir unterhalten uns auch hinterher viel über unsere Kinder. Die Stunden des Vorjahres laufen noch einmal vor uns ab. Um 14.30 Uhr hat Renate Mario am Bahnhof verabschiedet, um 19.19 Uhr kam er in Berlin an, um 20.19 Uhr meldete sich Mario vom Handy, dass er gut angekommen ist, das war sein letztes Lebenszeichen......

Sonnabend, 01.11.2003

Nachdem ich morgens aufgestanden bin, muss ich daran denken, dass ich heute vor einem Jahr um 9 Uhr von Norbert hierher nach hause kam. Jana war noch nicht aufgestanden, in meinem Wohnzimmer saßen zwei mir fremde Männer, die hier genächtigt hatten. Ich war stinksauer, denn in meinem Wohnzimmer sind die meisten persönlichen Dinge und Papiere von mir. Nachdem die beiden gegangen waren, stellte ich Jana zur Rede, zumal ich dann noch feststellen musste, dass versucht wurde meine Geldkassette zu öffnen und nachts eine 0190-Nummer angerufen wurde. Wir hatten mit Jana richtig Zoff. Mittags ging sie und kam erst nach hause, als ich schon im Bett war. Ich wusste nicht, dass wir nie wieder miteinander reden werden...... Es tut so weh und quält mich endlos, dass wir zuletzt gestritten haben. Hätte ich sie doch nur in den Arm genommen.......

Heute Abend kommt Renate. Ich werde sie um 22.20 Uhr mit Norbert zusammen vom Bahnhof Zoo abholen. Dort kam morgen vor einem Jahr Mario an....

Freitag, 31.10.2003

Die Woche war ganz schön stressig, immer um 6.15 Uhr Dienst, also nervte mich mein Wecker täglich bereits um 4 Uhr mit seinem Geräusch. Sogar Jill blieb gern noch auf ihrem Fell und stand erst auf, wenn ich kurz nach 5 Uhr mit ihr Gassi gehen wollte.

Abends fand ich selten rechtzeitig ins Bett, und so quälte ich mich regelrecht durch diese Arbeitswoche. Ich laufe langsam auf dem Zahnfleisch, wie man so sagt, und der Freitag Abend ist wie eine Erlösung. Kommende Woche habe ich nun nochmals Urlaub.

Montag, 27.10.2003

Erster Arbeitstag nach dem Urlaub - hab's geschafft.... Nach dem Dienst fahre ich beim Psychologen vorbei, denn ich brauche ein neues Rezept. Eigentlich wollte ich längst einen neuen Termin haben, habe es leider etwas schleifen lassen. Da aber meine Tabletten ausgehen, kommt die Panik, denn ich hätte Angst vor einem plötzlichen Absetzen des Medikamentes. Bei der Aushändigung des Rezeptes fragt mich der Psychologe kurz, wie es mir geht. Ich sage ihm, dass es ständig bergauf und bergab geht, dass der erste Todestag in wenigen Tagen ist und dass Marios Mutter kommt. Wir verbleiben, dass ich Ende November zum Gespräch komme. Zuletzt sagt er zu mir: "Ich finde es gut, was sie machen!" Dann fahre ich nach hause.... Auf dieser Fahrt geht es mir wieder einmal so, dass ich an jeder Ecke daran denken muss, dass ich mit Jana dort langgefahren bin....

Ich kann etwas "abschalten", als ich von Jill begrüßt werde, denn nach der Urlaubswoche war meine kleine Maus wieder lange allein, aber die wieder einsetzende Nachbarschaftshilfe von Bernhard beruhigte mich. Jill freut sich, als wäre ich wochenlang nicht da gewesen.....

In der letzten Zeit fiel mir auf, dass ich meine eigene Homepage ganz schön vernachlässigt habe und eigentlich mal aktualisieren müsste. So "bastele" ich heute mal eine neue Seite mit amüsanten Hundebildern zusammen und aktualisiere die Motorradseite..... Norbert hatte sich auch schon vor geraumer Zeit über seine Fotos beschwert, ich solle mal bessere machen. Ich dachte immer, Männer wären nicht so eitel.... Na gut, also werde ich in nächster Zeit mal versuchen, Norbert vorteilhaft abzulichten.....

Sonntag, 26.10.2003

Gegen Mittag fährt Norbert nach hause. Er will einiges tun, war ja die letzten Tage nur hier.... So nutze auch ich die verbleibende Zeit für mich. Ich "betreibe" etwas Haarkosmetik, denn man sieht langsam, was da so nachwächst ;-) Da morgen die Urlaubswoche zu Ende ist und fünf Tage Arbeit folgen, treffe ich noch einige Vorbereitungen, um morgens, wenn um 4 Uhr der Wecker klingelt, nicht allzu viel Stress zu haben.

Dann nutze ich meinen neuen Arcor- Tarif und telefoniere kostenlos... Das erste kostenfreie Telefonat am Sonntag gehört meiner Mama. Es dauert eine dreiviertel Stunde. Später quatsche ich mal wieder so richtig nach Lust und Laune mit Bea, auch, ohne auf die Uhr gucken zu müssen. Es tut richtig gut. Wir haben in der letzten Zeit nicht allzu viel von einander gehört, aber es ist immer noch eine Freundschaft, die mir sehr viel bedeutet, denn Bea versteht mich, wie es nur wenige tun. Gegen 19 Uhr wähle ich dann Renates Nummer..... Na ja, uns wird es am Telefon nie langweilig. Langsam zähle ich die Tage, bis sie kommt - noch sechs mal schlafen.... Renates Besuch hat zwar einen traurigen Anlass, da es der erste Todestag unserer Kinder sein wird, aber gemeinsam wird es sicher leichter sein. Nach diesen Telefonaten ist der Abend schon so weit fortgeschritten, dass ich beim Tagebuch schreiben bereits auf die Uhr gucken muss... Nun ist es fast 23 Uhr, eben war ich mit Jill noch Gassi, es ist wirklich Zeit... Die Nacht ist sowieso immer zu kurz, egal, wann man schlafen geht.......

 

Sonnabend, 25.10.2003

Als die Zeit heran ist, gucke ich laufend, ob das Paketauto naht..... Am späten Vormittag sehe ich endlich "gelb", aber es klingelt nicht. Ich bin total enttäuscht, kein Modem... Sicher, ich habe zwar das von Norbert, was funktioniert, aber es wurmt mich mich doch ganz schön! Ich muss mich wohl damit abfinden, dass es nicht vor Montag kommt.

So suche ich langsam meine Sachen zusammen, da ich um 14 Uhr bei Uwe sein will, den ich gebeten habe, sich nochmals Jills Auge anzusehen. Da klingelt es. "Expresspost" höre ich durch die Gegensprechanlage. Ich flitze dem Paketboten entgegen, denn er hat bestimmt schon etliche Treppen hinter sich und auch noch vor sich... Am Klebeband des Paketes erkenne ich, dass das Paket von Arcor ist, also mein DSL- Modem! Ich freue mich wie ein Kind, aber muss erst einmal mit Jill los.....

Uwe hat den gleichen Eindruck wie ich, Jills Auge sieht bedeutend besser aus. Die Fäden sollen noch ungefähr eine Woche drin bleiben. Ich bin froh, dass es so gut aussieht, denn der Schrecken vor einer Woche war unbeschreiblich groß.

Zurück zu hause, schließe ich das DSL-Modem von Arcor an, es funktioniert......

Freitag, 24.10.2003

Norbert hatte eine gute Idee. Wenn es wirklich stimmt, dass mein DSL- Modem zu alt ist, dann probieren wir es mit Norberts, denn dieses ist neuer. Da wir sowieso einkaufen fahren wollen, fahren wir bei Norbert vorbei und tauschen die Modems. Meins funktioniert bei Norbert, also nehmen wir seins mit zu mir. Dann kommt der spannende Moment.... Wir schließen es bei mir an, es blinkt, das Modem initialisiert sich, die rote LED wird grün, es funktioniert! Ich kann es gar nicht fassen, denn mit der angeblichen Kompatibilität, das war mir etwas suspekt, aber scheint nunmehr zu stimmen. Ich dachte, wenn ich den Stromanbieter wechsele, muss ich ja auch nicht die Glühbirnen wechseln... .. Habe zwar keine Erklärung, aber bin happy, dass ich online gehen kann. So kann ich nunmehr nicht nur mein Tagebuch weiterschreiben, sondern auch ins Netz stellen. Morgen wird nun sicher das Modem von Arcor mit der Post hier eintreffen, dann bekommt Norbert sein Modem zurück, und alles ist wieder ok. Ich bin nun innerlich wieder beruhigt, denn bis zu diesem Beweis glaubte ich nicht an dieses Kompatibilitätsproblem, konnte es mir nicht vorstellen....

Donnerstag, 23.10.2003

Gestern habe ich bis in die Nacht am PC gesessen. Als ich nach dem Formatieren Windows und die meisten Hardwaretreiber installiert hatte, fing das blöde Ding bei der Installation des Druckers an zu spinnen. Es kamen Fehlermeldungen, er stürzte ab.... Da hatte ich die Nase voll und habe von vorn angefangen, also noch mal formatiert. Ich will nicht von Anfang an mit einem "geflickten" System arbeiten. Beim zweiten Versuch liefen alle Treiberinstallationen zu meiner vollsten Zufriedenheit ab. Aber die Programme und Anwendungen habe ich mir für heute "aufgehoben". Wenigstens konnte ich zufrieden schlafen gehen....

Nun ist mittlerweile alles wieder installiert, darum kann ich auch am Tagebuch schreiben. Auch habe ich die Seite mit den Fotos von Janas Grab so bearbeitet, wie ich es vorhatte. Die neusten Fotos sind jetzt oben, ähnlich wie bei den Tagebucheinträgen. Leider kann ich aber zur Zeit weder die veränderte Grabseite, noch diese Zeilen ins Netz stellen.

Am späten Vormittag hat die Telekom abgeschaltet. Dann tat sich lange Zeit nichts. Kurz vor 18 Uhr blinkte plötzlich meine Telefonanlage. Nach kurzer Zeit hörte es auf, und seitdem kann ich über Arcor telefonieren. Nur mein DSL- Modem initialisiert sich noch nicht, das heißt, eine rote LED muss noch grün werden, tut es aber nicht.... Dadurch kann ich noch nicht online gehen. Aber ich bin ja bescheiden geworden und freue mich, dass alles andere in letzter Minute noch so gut geklappt hat, obwohl die Telekom erst einen Tag vor der Abschaltung Arcor die Kündigungsbestätigung zukommen ließ.

Abends telefoniere ich nochmals mit Arcor, um zu klären, warum ich nicht online gehen kann. Dabei erfahre ich, dass mein DSL- Modem nicht mehr kompatibel sein soll. Kann schon sein, denn ich war eine der ersten DSL- Nutzer, und das Modem ist über drei Jahre alt. Man wird mir schnellstens eins schicken, hoffen wir mal, dass es dann wirklich klappt.....

Mittwoch, 22.10.2003

Nun habe ich definitiv zum letzten Mal in diesem Jahr die Motorradkleidung angehabt. Ich komme soeben vom Friedhof, wo ich die Herbst/Winterbepflanzung fotografiert habe. Ich bin froh, dass ich heil zurück gekommen bin, denn letzte Nacht hat es noch geregnet, und nasses Laub auf der Straße ist für einen Biker wie Glatteis. Es macht dann nicht mehr den richtigen Spaß, den man eigentlich sonst hat. Bei mir überwog heute die Angst, denn bei einer ganz vorsichtigen Bremsung an unserer Hofausfahrt rutschte mir bereits das Hinterrad auf matschigem Laub zur Seite weg. Aber ich bin jetzt wohlbehalten zurück, habe die Fotos herunter geladen und auf die Homepage gesetzt. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich die Grabseite eigentlich auch einmal so umgestalten sollte, dass die aktuellen Fotos oben erscheinen. Dann muss man nicht immer so weit nach unten scrollen. Werde ich wohl in Angriff nehmen, wenn ich formatiert habe und alles wieder läuft. Ja, und nun ist dies mein vorerst letzter Eintrag, denn danach kommt das Kommando "format C:", und ich weiß immer noch nicht, ob morgen nach Abschaltung der Telekom Arcor mich sofort zuschaltet. Sobald alles wieder in Ordnung ist, wird man es hier lesen können.....

Dienstag, 21.10.2003

Gegen 9.45 Uhr hole ich mit Norbert meine Schwester ab, denn sie hat auch gerade Urlaub und wollte mal einen Tag mit mir verbringen. Sie möchte gern zu IKEA, und auch wir können ja mal gucken.... Es ist ganz schön stressig, denn seit dem Umbau von Ikea in Spandau war ich noch nie da, und es sieht alles ganz anders aus. Drinnen ist es immer noch so, dass man überall vorbei muss, obwohl man nur eine Kleinigkeit sucht, Verkaufspsychologie eben.... Eigentlich bin ich froh, als ich wieder draußen bin. Ich lade meine Schwester dann noch ein, bei uns einen Kaffee zu trinken. Dabei wird es im Gegensatz zum Einkaufsstress noch richtig gemütlich. Schade eigentlich, dass wir uns relativ selten sehen, obwohl wir für Berliner Verhältnisse nur drei Straßen entfernt wohnen. Da meine Schwester nachmittags noch einen Termin hat, fahre ich sie gegen 13 Uhr nach hause und nehme Jill gleich zum Gassi gehen mit.

Das Wetter ist wieder einmal genau entgegengesetzt wie angesagt, der Nachmittag wird schöner als der Vormittag, angesagt war es umgekehrt.... So setzen wir uns mit Norbert nochmals ins Auto, fahren zum "Holländer" und kaufen ein, um die Winterbepflanzung auf dem Friedhof in Angriff zu nehmen, denn bei dem derzeitigen Wetter muss man spontan entscheiden. Wie immer, möchte ich nicht, dass Janas Grab eine "Standard- Bepflanzung" erhält: Herbstblumen und im Winter Abdeckung mit Tannengrün. So entscheide ich mich für eine winterharte Pflanze, die dem "Erika" sehr ähnlich sieht (Besenheide, lat. Calluna). Wir holen sie in rot und weiß. Den Rosenstock nehmen wir heraus, da er Marios Gedenktafel nahezu verdeckt. Als wir mit der Bepflanzung fertig sind, stehen wir vor dem Grab und sind erstaunt, wie schön es wieder geworden ist. Aber gleichzeitig ärgere ich mich, denn ich habe die Digitalkamera vergessen.... Aber versprochen, wenn es morgen nicht regnet, dann mache ich meine diesjährige letzte Motorradtour zum Friedhof, die Kamera in der Motorradjacke...

Als wir vom Friedhof kommen, fahren wir zu Norbert und geben dem Rosenstock einen schönen Platz in Norberts Garten. Es wird Janas Rose bleiben.....

Am Abend telefoniere ich zum dritten Mal mit Arcor. Ich will von der Telekom zu Arcor wechseln. Von der Telekom habe ich zwar vor einigen Tagen eine Kündigungsbestätigung bekommen, aber bei Arcor ist diese noch nicht eingegangen, obwohl sie zeitgleich verschickt werden sollen. Die Telekom schaltet mich übermorgen ab, und ich habe Angst, dass ich nicht nahtlos umgeschaltet werden kann. Das hieße, dass ich ohne Telefon und Internet wäre, für mich unvorstellbar! Dann springe ich hier im Dreieck und spiele Rumpelstilzchen..... Morgen wollte ich meinen Computer formatieren, um bei der Umschaltung "sauber" zu sein. Habe in den letzten Tagen mal so meine Festplatten durchgeklickt, ein Haufen Müll.... Alte Dateien löschen oder nicht gebrauchte Dinge zu deinstallieren wäre für mich wie oberflächlich Staub wischen. Formatieren und alles neu installieren aber ist wie Zimmer ausräumen, malern, sauber machen, dann wieder alles neu einräumen und sich wohlfühlen......

Montag, 20.10.2003

Gestern bekam ich einen richtigen Schreck, denn mir fiel ein, dass ich bis Ende Oktober mit dem Motorrad zum TÜV muss, also höchste Eisenbahn, wie man so sagt! Eigentlich wollte ich den TÜV in den Sommer vorziehen, da der Oktober für Motorrad schon ein unsicherer Monat vom Wetter her ist. Habe es sozusagen voll verpennt. Anfang November will ich das Bike in der Garage des Nachbarn unterstellen. Kann es ja dann nicht im Frühjahr ohne TÜV aus dem "Winterschlaf" holen. So setze ich mich am späten Vormittag mit meiner wärmsten Motorradkleidung aufs Bike und fahre los. Ich versuche es an einer Tankstelle bei Norbert um die Ecke, wo täglich TÜV gemacht wird. Ich habe zwar keinen Termin, aber der Prüfer hat zufällig gerade niemanden anderen und "bedient" mich sofort. Er ist selber Motorradfahrer, sehr nett und bietet mir einen Kaffee an, da es doch schon ganz schön kalt geworden ist, wie er meint. Ich bin froh, dass die Suzuki keine Mängel zeigt und der TÜV ohne Probleme erteilt wird. Ja, Jana, Dein Bike ist schon ein Goldstück, ich liebe es genauso wie Du und bin mit ihm sehr zufrieden. Ich habe es noch keinen Tag bereut, dass ich mich für die "Suzi" entschieden habe. Nun hoffe ich, dass der Winter schnell vorbei geht und ich bald wieder fahren kann, denn heute war es temperaturmäßig bei knapp über Null schon ganz schön unangenehm.....

Als ich wieder zu hause bin, setzen wir uns mit Norbert ins Auto, fahren zu ihm und nutzen den regenfreien Tag, um noch mal Rasen zu mähen und einige Wintervorbereitungen zu treffen. Norbert bringt den Oleander in den Keller, schraubt die Wasserhähne ab, stellt das Wasser draußen ab, da in den nächsten Tagen der erste Frost angesagt ist. Ich harke noch einiges Laub und die Nadeln einer großen Kiefer zusammen... Jill tobt auf der Wiese, aber macht wie immer einen großen Bogen um dieses Ungeheuer, das sich Rasenmäher nennt. Als wir wieder in meiner Wohnung sind, gibt es ja glücklicherweise keinen Rasenmäher, aber dafür leider einen Staubsauger.......

Abends sehe ich im Yahoo- Messenger, dass Uwe (der Züchter von Jill) online ist. Ich nutze die Gelegenheit, um ihm mitzuteilen, dass Jills Auge bereits besser aussieht und danke ihm noch einmal für seine Hilfe. Ich mache mehrmals täglich die Salbe ins Auge. Der blutig rote Fleck ist bereits etwas verblasst. Ich bin froh, dass sich so schnell eine Besserung abzeichnet. Ich werde Uwe auf dem Laufenden halten. Wir beenden jedoch unseren Chat nach kurzer Zeit, denn Uwe muss Welpen füttern und Flasche geben...

Sonnabend, 18.10.2003

Um 11.15 Uhr setze ich mich ins Auto, denn zwischen 12 Uhr und 12.30 Uhr soll ich bei Uwe sein. Es sind 25km durch Berlin, auf dem Land wäre man bei dieser Strecke durch fünf Dörfer gefahren....

Ich habe gut geschätzt - komme um 12.15 Uhr bei Uwe an. Jill freut sich, als ihre Artgenossen sie begrüßen. Die Diagnose ist allerdings weniger schön. Jill muss sich irgend etwas ins Auge gestoßen haben, das kann beim Laufen durch Büsche passieren. Sie hat eine Hornhautverletzung. Nach der Betäubung des Auges mit Tropfen kann man es gut sehen, es ist ein blutiger Punkt auf dem Auge. Es muss ein "Tacking" gemacht werden. Uwe macht eine örtliche Betäubung und zieht dann das obere und untere Augenlid mit Fäden so nach außen, dass Jill das Auge nicht mehr ganz zukneifen kann und die Wimpern nicht mehr auf der Verletzung scheuern . Zusätzlich muss ich weiter die Augensalbe anwenden, damit die Entzündung abheilt. Ich bin froh, dass ich mit Jill bei Uwe war, wer weiß, wie man sonst an ihr herumgedoktert hätte... Es gibt leider viele Tierärzte, die diese Behandlung nicht beherrschen oder mit einer gefährlichen Vollnarkose machen. Meine kleine Jill sieht mit ihren Fäden in den Augenlidern etwas entstellt aus, aber ich weiß, dass es ihr helfen wird. Dann schaue ich mir noch die drei und vier Wochen alten Welpen an. Am liebsten würde ich mir noch einen davon mitnehmen! Die sind ja sooooooooooo süß! Aber meine Jill ist ja auch so eine Liebe, also, was will ich mehr? So fahre ich beruhigt Richtung Spandau zu Norbert, der auf mich wartet....

Bei Norbert sitzt Bernd, sein Freund. Sie haben sich längere Zeit nicht gesehen und wollen zusammen Bundesliga auf Premiere gucken, natürlich das Spiel von Hertha gegen Leverkusen.... Bei Hertha sieht es ja zur Zeit nicht so gut aus. Ich staune, das Norbert nicht gänzlich ausflippt, als Hertha mit 1:4 verliert. Im Gegenteil, er hat damit gerechnet und erwartet, dass nun endlich der Trainer gehen muss.....

Dann tritt Bernd seinen Heimweg an. Norbert und ich, wir fahren zurück in meine Wohnung. Nun kann ich Tagebuch schreiben, denn die letzten drei Tage geben in meinem Kopf keine Ruhe. Wenn ich dann geschrieben habe, bin ich immer irgendwie erleichtert, als hätte ich mit dem Schreiben meine Gedanken geordnet und verarbeitet.... Gerade hat im ZDF der Boxkampf vom Tiger angefangen. Es ist so spannend, dass ich wohl lieber aufhöre... Ich habe ja auch alles geschrieben, was mich beschäftigt hat, also genug für heute.

Freitag, 17.10.2003

Der Freitag ist immer ein schöner Arbeitstag, da man sich auf das Wochenende freut. Heute ist er besonders schön, denn es kommt nicht nur das Wochenende, sondern eine ganze Woche Urlaub.

Nach Feierabend rufe ich beim Züchter an und erzähle Uwe von Jills Auge. Obwohl er im Moment sehr viel Stress mit zwei Würfen Welpen hat und ständig Besuche von Welpenkäufern bekommt, sagt er, dass ich morgen zwischen zwei Terminen zu ihm kommen kann. Wieder einmal bestätigt sich, was alle Hundebesitzer an Uwe so schätzen, die einen Sharpei von ihm haben: wenn man Probleme hat, ist er immer da.....

Donnerstag, 16.10.2003

Auf Arbeit bin ich heute ein wenig traurig. Mein Beifahrer David, ein Zivi, fährt heute den letzten Tag mit mir. Seine 10 Monate sind abgelaufen. Es war ein angenehmes Arbeiten, wir kamen auch menschlich sehr gut zurecht. Nun kommt eine neue Einarbeitungs- und Gewöhnungsphase mit einem neuen Zivi. Ich hoffe, dass wir genauso gut klar kommen werden. Wenn man über 8 Stunden auf so engem Raum wie einem Auto zusammen arbeiten muss, sollte die "Chemie" schon stimmen. Ich bin aber optimistisch, denn der "Neue" fuhr die letzten Tage bereits mit uns mit und macht einen recht netten und angenehmen Eindruck.

Nach der Arbeit kommt mich heute wieder einmal Janas Schulfreundin Linn besuchen. Wir machen Sushi. Durch Linn habe ich vor einiger Zeit erfahren, wie man es selbst machen kann. Auch gibt es im Internet Anleitungen dazu. Jana hat auch immer sehr gern Sushi gegessen. Aber leider war es in Sushi- Restaurants immer sehr teuer, so dass wir es uns nur selten geleistet haben. Wie hätte sich Jana gefreut, wenn sie gewusst hätte, dass man es preiswert selber machen kann. Dann hätte es bei uns bestimmt einmal in der Woche Sushi gegeben!

Als ich mit Linn in der Küche die Vorbereitungen für unser Sushi- Essen treffe, kommt Jill und bettelt um ein Leckerli. Dabei macht sie immer "Sitz" und guckt einen mit großen Augen an. Selten macht sie ihre Augen so weit auf, denn meist hat sie ihren "Schlafzimmerblick". Ich erschrecke jedoch, denn Jills linkes Auge ist ganz trübe. Um zum Züchter zu fahren, ist es heute zu spät, da er am anderen Ende von Berlin wohnt. Aber er hat sich als langjähriger Züchter eine Menge veterinärmedizinisches Wissen über diese Rasse angeeignet, entsprechende Erfahrung und kann so manchem Tierarzt bei der Behandlung eines Sharpei noch gute Ratschläge geben. Darum möchte ich nicht zum Tierarzt um die Ecke. Leider wurden von einigen Tierärzten bei der Behandlung dieser Rasse schon grobe Fehler gemacht. Bei einem Sharpei wurde sogar mal ein "Lifting" durchgeführt :-( Ich werde also morgen bei Uwe anrufen und fragen, ob ich mit Jill hinkommen kann. Vorerst mache ich ihr eine Salbe ins Auge, mit der ich nichts verkehrt machen kann.

Montag, 13.10.2003

Vor ungefähr 14 Tagen bekam ich eine nette Email. Sie war vom Redakteur der Akte03- Sendung, der im März vom ersten Treffen von uns Müttern berichtete. Er schickte mir viele Grüße aus der Nachbarschaft, denn er kann von seinem Büro aus meine Fenster sehen (umgekehrt natürlich genauso). Ich freute mich sehr über diese Email, zumal er sich auch dafür interessierte, wie es mir geht. Dann habe ich angerufen, und wir verblieben, dass ich in nächster Zeit mal vorbei schaue.... Heute habe ich nach der Arbeit während der Gassi- Runde mit Jill mal diesen kleinen "Abstecher" gemacht. Es gab reichlich Gesprächsstoff... Er freute sich, dass sich der Kontakt mit Renate zu einer engen Freundschaft entwickelt hat. Ich hatte den Eindruck, dass das menschliche Interesse sogar vor dem journalistischen stand, was wohl eher selten ist. Die Grüße an Renate habe ich telefonisch bereits weiter gegeben. Wenn Renate Anfang November hier sein wird, werden wir vielleicht nochmals zusammen einen Besuch machen. Wenn ich Jill dabei habe, ist immer ein kleiner "Nebeneffekt", denn kaum jemand geht an ihr vorbei, ohne sich umzudrehen oder sogar stehen zu bleiben... Heute war es wieder besonders auffällig, denn man kam sogar aus den Büros, nachdem man Jill durch die Glastür belächelt hat. Sie ist schon eine liebe Maus, ihrem Schlafzimmerblick konnte bisher kaum jemand widerstehen... Aber so lieb wie sie guckt, so lieb ist sie auch. Ich glaube, dass mir diese kleine Hundeseele oft auch ein großer Halt ist, denn sie ist so bedingungslos treu......

 

Donnerstag, 09.10.2003

Nachdem ich früh aufgestanden bin und mit Jill Gassi war, gucke ich wie jeden Morgen nach Emails und trenne mich dann nur ungern vom Computer, denn der Haushalt macht sich nicht von allein - leider.... Als das Wichtigste getan ist und die Waschmaschine noch läuft, nutze ich die Zeit, um etwas Nagelpflege zu betreiben. Mir fällt jedoch fast die Feile aus der Hand, als ich vor meinem Balkon (im 5. Stock!!!) einen Mann am Seil in der Pappel sehe. Nein, ich träume nicht! Ich weiß nicht, ob er nur einige Äste absägt oder ob der Baum gefällt wird. Ich gehe einfach auf den Balkon und frage ihn. Der Baum wird wirklich gefällt! Als wir Ende Dezember 1990 hier einzogen, war die Spitze der Pappel ungefähr auf halber Höhe unseres Balkons. Nun überragte sie mittlerweile noch die Etage über uns. Bei jedem kräftigen Wind bog sie sich, dass es einem unheimlich wurde... Im Frühjahr, wenn die Pappel blühte, konnte man kaum die Balkontür aufmachen, denn diese "Watte" hatte man sofort überall in der Wohnung - bis im Bücherregal. Auch nahm sie viel Licht.... Was haben wir mit Jana diese Pappel verflucht! Jetzt bin ich von der Spätschicht zurück - die Pappel ist weg, und ich bin traurig.... Warum? Es ist wieder etwas nicht mehr da, was auch Jana kannte. Hätte Jana das Fällen dieses Baumes erlebt, hätte sie sich diebisch gefreut, ich allein kann es nicht....

Mittwoch, 08.10.2003

Ja, die Fortsetzung verläuft positiv. Gestern Abend habe ich den Tower offen gelassen wie er war..... und hoffte nur, dass der Computer am nächsten Tag wieder hochfährt. Er tut es. Nachdem ich nun nach Emails geschaut habe, werde ich ganz mutig, baue die Seitenwand wieder an und rücke den Tower zurück an seinen Platz. Ich warte dabei immer, dass sich der Monitor wieder verdunkelt, aber zu meinem Erstaunen passiert nichts negatives. Wer auch einen Computer hat, weiß, dass manchmal unerklärliche Dinge passieren, erst große Fehlermeldungen, dann läuft plötzlich alles wieder - und man weiß nicht, woran es nun wirklich lag. Ich bleibe allerdings skeptisch und bange jedes Mal, wenn ich ihn wieder anschalte....

Dienstag, 07.10.2003

Da war ich ja in den letzten Tagen richtig faul, was das Schreiben vom Tagebuch betrifft. Na ja, ich habe das lange Wochenende ganz ohne Stress und in Ruhe mit Norbert verbracht. Eigentlich wollten wir uns wieder mal in seinem Garten betätigen, aber das Wetter hat uns ja einen kräftigen Strich durch die Rechnung gemacht. Jedoch sahen wir das nicht so eng und blieben dann in meiner Wohnung. So hatte ich meinen geliebten Computer, Norbert guckte Bundesliga und anderen Sport. Als die Bayern unsere Hertha- Mannschaft am Sonnabend mit 4:1 untergehen ließen, war Norberts Laune am Boden..... Gute Laune bekam er wieder als wir unser "Sucht- Spiel" Bubblet spielten (http://www.hobsoft.de/) und ich haushoch unterlegen war.... ;-)

Heute nun habe ich selber ein langes Gesicht bekommen, denn nach der Spätschicht komme ich nach hause und mache natürlich zuerst meinen Computer an.... ja, wenn er denn angehen würde :-( Der Bildschirm zeigt Fehlermeldungen und bleibt schwarz. Mich ergreift die totale Panik, denn ich bin krank, wenn mein Computer nicht läuft! Dann hole ich die Garantieunterlagen vom Flachbildschirm, freue mich über Vor- Ort- Service, aber sehe eine holländische Adresse.... Als nächstes rufe ich meinen Beifahrer an, der von technischen Dingen in Sachen Computer mehr Ahnung hat, als ich. Er rät mir, die Steckverbindungen zu überprüfen, die Grafikkarte heraus zu nehmen und wieder einzusetzen. Ein guter Tipp, denn mein Computer fährt danach hoch und hat ein Bild! Die Freude dauert aber nicht lange. Als ich die Seitenwand des Towers wieder ansetzen will, wird mein Monitor wieder schwarz. Ich springe fast im Dreieck und wiederhole die ganze Prozedur. Irgendwann kommt wieder ein Bild auf meinem Monitor. Nun fasse ich nichts mehr an, lasse den Tower offen und berühre ihn nicht mehr - frühestens, wenn ich hier mit dem Schreiben fertig bin.... Es ist ja fast Glück im Unglück, denn ich hatte große Angst, dass es am Flachbildschirm liegt. Nun sieht es eher aus, als will die Grafikkarte auf Rente gehen. Ich werde nach diesen Zeilen hier nochmals den Versuch unternehmen, den Tower wieder zu schließen und an seinen ursprünglichen Platz zu stellen. Fortsetzung folgt, falls möglich ;-)

Donnerstag, 02.10.2003

Heute erfahre ich, dass ich morgen frei habe. Für andere sicher normal, bei uns ist an Wochenfeiertagen jedoch selten frei. Das passiert nur, wenn wenig Fahraufträge vorliegen. So habe ich mal ein langes Wochenende und bin eigentlich ganz froh darüber....

Ich bin allerdings nicht in Hochstimmung, denn seit Tagen grüble ich wieder mehr denn je, bin bei allem tieftraurig und habe Mühe, nach außen hin meine "Maske" zu wahren, denn wer kann sich schon in mich hinein versetzen? Auf Schritt und Tritt ist Jana bei mir. Wenn ich im Radio Musik höre, denke ich daran, dass Jana diesen Titel auch kannte. Nehme ich zu hause etwas in die Hand, muss ich daran denken, dass Jana es auch einmal in ihren Händen gehalten hat. Bei neuen Dingen überlege ich, ob es Jana gefallen würde und höre immer genau, was sie dazu sagen würde. Fragen quälen: Würde Jana noch einmal entscheiden können, würde sie es wieder tun? Worüber haben sich unsere Kinder zuletzt unterhalten? Woran haben sie gedacht?

Als ich abends wieder sehr lange mit Renate telefoniere, scherzen wir zwar anfangs noch über ihre Shopping- Erlebnisse, aber stellen dann fest, dass wir eigentlich beide am gleichen Tiefpunkt angelangt sind. Ihr geht es ebenso. Beide haben wir den Eindruck, dass wir schon einmal weiter waren, aber scheinbar gerade einen dieser Rückschläge durchleben müssen. Da wir gleich fühlen, ist wie immer dieses gegenseitige Verstehen da.... Man kann alles aussprechen, ohne verständnislos oder mitleidsvoll angelächelt zu werden. Auch Renate hat diese vielen Berührungspunkte und alles, was sie macht, hat eine Verbindung zu Mario. Wenn wir miteinander reden, können wir unsere Masken vorübergehend beiseite legen.....

Wir sind froh, dass wir uns bald wiedersehen, auch wenn es zu einem traurigen Anlass sein wird: Renate wird zum ersten Todestag in Berlin sein. Wir möchten diesen Tag zusammen verbringen, möchten den anderen nicht allein wissen....

 

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