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  Tagebuch Januar - März 2003

 

Freitag, 28.03.2003

Jetzt bin ich so weit, dass ich den Anfang von Marios Geschichte und die Seite über seine Hobbies ins Netz stellen kann. Ich hatte gestern Abend noch sehr lange mit Renate, Marios Mutter, telefoniert. Die Seite mit den Bildern werde ich demnächst gestalten. Meine Zeit ist heute etwas knapp, denn es war noch einiges zu tun. Jeden Moment kann es klingeln, dann stehen Bea und Csaba mit ihren beiden Hunden vor der Tür. Sie kommen heute wieder aus Bayern nach Berlin. Wir wollen morgen zusammen zum nächsten Sharpei- Treffen beim Züchter fahren. Diese Treffen machen wir im Frühjahr und Herbst, um zu sehen, was aus den Geschwistern unserer Hunde geworden ist, wie sich sich entwickelt haben. Auch kann man mit anderen Hundebesitzern in "Erfahrungsaustausch" treten. Es ist immer sehr nett gewesen, dort habe ich erstmals Bea und Csaba kennen gelernt - heute sind es meine besten Freunde. Auch ist es für mich vielleicht ganz gut, wieder einmal unter anderen Leuten zu sein. 

 

Donnerstag, 27.03.2003

Um 17.30 Uhr klingelt mein Faxgerät, was nicht allzu oft vorkommt. Es kommen drei handgeschriebene Seiten von Marios Mutter. Es ist der erste Teil von Marios Geschichte, die sie für die Homepage niedergeschrieben hat. Ich bin froh, dass ich nun anfangen kann, die Seiten für Mario zu erstellen. Ich werde mich gleich daran setzen und den Text schreiben. Mal sehen, was ich heute schaffe...

 

Donnerstag, 20.03.2003

Bei vielen Emails und Gästebucheinträgen kommen mir die Tränen, entweder, weil mir die große Anteilnahme so nahe geht, oder weil ich von anderen schweren Schicksalen erfahre. Heute morgen lese ich einen weiteren neuen Gästebucheintrag, der mich sehr berührt: "... hatte auch schon solche Gedanken, dank dieses Berichts und dieser HP hat es mir etwas geholfen, am Leben zu bleiben, weil mir jetzt erst klar wird wie sehr man die Hinterbliebenen verletzt..." Und wenn es nur dieser eine Mensch wäre, dann wäre das allein schon die Bestätigung, dass diese Homepage nicht nur unsere Kinder unvergessen macht, sondern auch etwas bewirkt. Bereits nach der Sendung "Unter uns - Geschichten aus dem Leben" (Anfang Januar im MdR) hatte ich ähnliche Zuschriften. Dies hat mich sehr in meiner Arbeit an der Homepage und meinem Gang in die Öffentlichkeit bestärkt. Diese Homepage ist nun zu einem Teil von meinem Leben geworden....

 

Mittwoch, 19.03.2003

Gestern Abend kam in Akte03 der Beitrag über das Treffen mit Marios Mutter. Seit dieser Sendung kamen bis zum jetzigen Zeitpunkt über 3000 Besucher auf diese Homepage, sonst waren es täglich ca. 50 bis 70.  Heute morgen brauche ich fast 3 Stunden, um alle Emails zu lesen und die Gästebucheinträge frei zuschalten. Noch immer kommen Emails und weitere Gästebucheinträge. Man spricht uns Müttern Beileid und Anteilnahme aus, wünscht uns Kraft für die Zukunft. Man bittet mich, diese Homepage für mich und andere, die in der gleichen Lage sind, weiterzuführen. Auch von anderen Schicksalen habe ich dadurch erfahren. Ich möchte mich, auch im Namen von Marios Mutter, bei allen Besuchern der Homepage bedanken, vor allem für die vielen lieben und tröstenden Zeilen! Es ist mir unmöglich allen zu antworten, es wäre nicht zu schaffen.

 

Sonntag, 16.03.2003

Wir fahren mit Norbert noch mal zum Friedhof, um ein Foto für die Grabseite zu machen. Die Kerze, die wir gestern angezündet haben, brennt noch. Anfang April wollen wir anfangen, das Grab zu bepflanzen. Im Moment ist das Wasser dort noch abgestellt, man könnte also nicht gießen. Wir schauen uns auf dem Friedhof um, es hat auch noch niemand neu gepflanzt. Ich habe ja keine Erfahrung, werde also auch sehen, wann im allgemeinen mit der Bepflanzung angefangen wird.

 

Sonnabend, 15.03.2003

Heute fahre ich mit Norbert zum Friedhof, und wir stellen die Grabtafel auf, die Marios Vater für Janas Grab gefertigt hat. Es sieht sehr schön aus. Leider habe ich vergessen, die Kamera mitzunehmen. 

 

Freitag, 14.03.2003

Aufgrund des gestrigen Schreibens von D1 wurde mir geholfen, Kontakt zur Pressestelle aufzunehmen. Heute telefoniere ich mit dem Pressesprecher von T-Mobile. Er sagt mir, dass diese Schreiben maschinell gefertigt werden und kaum aufzuhalten sind. Man entschuldigt sich bei mir und teilt mir mit, dass es ihnen sehr leid tut. Die Sache ist damit für mich vom Tisch, und es bestehen keine Forderungen mehr... 

 

Donnerstag, 13.03.2003

Am 17. Januar machte ich einen Tagebucheintrag, in dem es um einen D1- Handyvertrag geht, den Jana noch am 1.November abgeschlossen hatte. Die Handykarte wurde nie aktiviert, ich weigerte mich, eine sogenannte Abschlussrechnung per 31.12.02 zu bezahlen. Danach kehrte Ruhe ein - bis heute - denn ein Brief von D1 ist im Briefkasten, wiederum adressiert an Jana! 

Wie bitteschön will man den Anschluss sperren, wenn ich schon im Dezember die unbenutzte Karte zurückgeschickt habe? Wie will man den Vertrag fristlos kündigen, wenn er längst beendet ist? Will man gegen Jana ein Inkassoverfahren einleiten, wenn dieses Schreiben an sie adressiert ist? Ich bin einfach nur fassungslos....

 

Dienstag, 11.03.2003

Heute hat Marios Vater dienstlich in Berlin zu tun. Er bringt mir eine selbst gefertigte Grabtafel mit, die er liebevoll aus Eiche gearbeitet hat. Diese Tafel kommt vorübergehend an Janas Grab, bis ein Grabstein aufgestellt wird. Ich finde es unheimlich lieb, dass mir Marios Eltern so helfen. Am Abend telefoniere ich wieder mit Marios Mutter, bedanke mich noch mal bei ihr, und unser Telefonat dauert wieder weit über eine Stunde.   

 

Montag, 03.03.2003

Heute vor vier Monaten haben wir Mütter unsere Kinder verloren. Wir haben heute sehr lange miteinander telefoniert, da es für uns beide wieder einer von den ganz schlimmen Tagen ist. Es läuft alles noch einmal wie ein schlechter Film vor einem ab. Bereits beantwortete Fragen werden neu gestellt...

Die Homepage habe ich vorbereitet, um Seiten für Mario gestalten zu können. Die Trauerseite habe ich aus gegebenem Anlass heute zum Teil neu geschrieben. Ich fange hiermit das Tagebuch Teil 2 an, welches ich in Zukunft nach oben weiter schreiben werde, damit die aktuellen Eintragungen zuerst zu lesen sind.

 

Sonntag, 02.03.2003

Mein Freund und ich, wir gehen morgens ins Hotel, um dort mit Marios Eltern zu frühstücken. Danach scannen wir hier am Computer Bilder von Mario ein, um den Lesern dieser Homepage auch Mario ein wenig näher bringen zu können. Ich denke mal, dass auch Marios Geschichte auf diese Homepage gehört. Marios Mutter unterstützt mich in jeglicher Hinsicht dabei. So werde ich in der nächsten Zeit einiges über Mario schreiben, was ich durch seine Eltern über ihn erfahren habe und Bilder veröffentlichen. 

Da Marios Mutter das erste Mal in Berlin ist, zeigen wir ihr am Nachmittag bei einer Stadtrundfahrt mit dem PKW einige Sehenswürdigkeiten. Danach sitzen wir gemütlich beim Griechen und tun noch etwas für unser leibliches Wohl. Leider ist nach diesem Essen der Besuch schon zu Ende. Die Verabschiedung fällt uns nicht leicht, aber wir wollen uns bald wieder sehen - bei einem Gegenbesuch. Auch ich möchte sehen, wo und wie Mario gelebt hat und Blumen an sein Grab bringen. Aber das wird nicht der einzige Grund sein, warum wir hinfahren werden. Wir haben ein paar liebe Menschen kennen und schätzen gelernt. 

 

Sonnabend, 01.03.2003

Heute kommen Marios Eltern. Meine Gefühle während unserer ersten Begegnung kann ich nicht beschreiben, es gibt dafür keine Worte. Wir Mütter fallen uns spontan in die Arme. Wir sind froh, uns endlich persönlich kennen zu lernen, nachdem wir so oft miteinander telefoniert haben. Trotz unserer bisher immer langen Telefonate haben wir uns noch sehr viel zu erzählen, schauen uns Bilder von unseren Kindern an, und Marios Eltern sehen nun, wo und wie Jana gelebt hat. Wir Mütter stellen fest, dass unsere Kinder auch viele Gemeinsamkeiten hatten. Auch wir haben einen guten Draht zueinander und bedauern, dass wir uns durch den Tod unserer Kinder und nicht zusammen mit ihnen kennen gelernt haben. Am Nachmittag fahren wir alle zum Friedhof, um für Jana ein Licht anzuzünden. Noch bis zum späten Abend sitzen wir alle zusammen.

 

Mittwoch, 26.02.2003

Heute habe ich zwei Gästebucheinträge erhalten, die ich nicht frei geschaltet habe. Es sind Teilnehmer aus dem Suizidforum, anonym und mit nicht existierenden Email- Adressen. Eigentlich war es ein und derselbe, denn die IP- Nummern waren identisch. Man beschwerte sich über meine Öffentlichkeitsarbeit, die angelockten „Touristen“ im Suizidforum und das dadurch entstandene Misstrauen unter den Forum- Teilnehmern. Im Forum waren mehrere Beiträge unter der Überschrift „Liebe Mutter von Jana und liebe Mutter von Mario“ zu lesen. Zitat: „Vielen wurde hier eine Rückzugsmöglichkeit genommen, viele wagen nicht mehr, offen über ihre Probleme zu reden.... WO bitte sollen sie sich denn noch aussprechen können, wenn hier alles voller Voyeure ist??? Bei allem warnen und aufklären – denken sie auch daran, wie vielen hier durch die Medienpräsenz eine Rückzugsmöglichkeit genommen wird?“  Die Antwort von uns Müttern lautet: „ Diese Rückzugsmöglichkeit hat unseren Kindern das Leben gekostet!“ 

 

Dienstag, 25.02.2003

Heute sind Bea und Csaba zurück nach Bayern gefahren. Ich sitze hier und bin sehr traurig, es war echt schön mit den beiden. Meine einzige Ablenkung ist der Computer, den ich neu eingerichtet habe, was ein immenser Arbeitsaufwand ist.  Er läuft jetzt wieder einigermaßen, aber etliches muss noch installiert werden. 

Bea und Csaba sind inzwischen gut daheim angekommen. Sie haben Post mit der nächsten Vorladung zum Bewerbungsgespräch nach Berlin bekommen. Da dies bereits nächste Woche ist, kann ich mich also wieder freuen, weil ich sie bald wiedersehe. 

Am Abend telefoniere ich wieder mit der Mutter von Mario, die am kommenden Wochenende nach Berlin kommt. Wir haben zwar in der Zwischenzeit des öfteren miteinander gesprochen, aber dies wird unser erstes Treffen werden. Zeitweise wird uns dabei ein Kamerateam von der Akte03- Redaktion begleiten, um voraussichtlich am 4. März darüber zu berichten. Ich habe Marios Mutter gebeten, Fotos von Mario mitzubringen, um auf dieser Homepage eine Seite für Mario gestalten zu können. 

  

Mittwoch, 19.02.2003

Heute kommen Bea und Csaba zu Besuch. Es sind Bekannte von mir, die zur Zeit noch in Bayern wohnen. Ich kenne sie vom Sharpei- Treffen im letzten Sommer. Wir haben uns in der letzten Zeit richtig angefreundet. Bea wurde seit Janas Tod für mich zu einem wichtigen Gesprächspartner. Mit ihr konnte ich immer reden, sie hatte sehr viel Zeit und Verständnis für mich, hat mir oft auch einfach nur zugehört. Nun wollen wir versuchen, dass sie in Berlin Arbeit finden und hierher ziehen. Bea hat morgen ein erstes Bewerbungsgespräch. 

 

Montag, 17.02.2003

Heute bin ich ein weiteres Mal beim Psychologen. Er will nun wissen, wie das Gespräch am Freitag war. Ich bin nun zu dem Eindruck gelangt, dass mir die Arbeit an der Homepage, die dadurch entstandenen Kontakte und meine Öffentlichkeitsarbeit mehr helfen, als solche Gespräche. Wenn ich reden will, habe ich gute Freunde, die für mich da sind. Diesen Eindruck teile ich dem Psychologen mit. Er sagt mir, dass ich eigentlich auch nicht krank bin, sondern einen Berg an Trauer zu bewältigen habe, und das braucht lange Zeit. Krank sind nur diejenigen, die bei Kleinigkeiten nicht mehr weiter wissen. Es beruhigt mich etwas, zumal der Psychologe der Meinung ist, dass ich den richtigen Weg gehe.

Am Abend arbeite ich seit langem wieder einmal an meiner eigenen Homepage. Ich erstelle eine neue Seite, die ich meinem Freund widme. Ganz zu Anfang in der ersten Version waren schon einmal Bilder von ihm auf der Homepage zu sehen. Als wir eine kleine Krise hatten, "löschte" ich ihn und ließ seitdem die Homepage neutral. Nachdem wir nun soviel miteinander durchgestanden haben, weiß ich, dass er dazugehört.

 

Freitag, 14.02.2003

Ich habe den dritten Termin beim Psychologen. Die ersten beiden waren mehr oder weniger Vorgespräche. Beim ersten wurde mir gesagt, dass ich unbedingt eine Therapie brauche, beim zweiten meinte der Psychologe, dass es eigentlich schon gut und ausreichend wäre, was ich selber an Trauerarbeit mache. Darum habe ich heute den Termin bei einer seiner Therapeutinnen, die nun entscheiden soll. Aber diese entscheidet nicht, sondern fragt mich, welcher Meinung ich bin, ob ich eine Therapie brauche oder nicht. Ich weiß es nicht. Ich dachte eigentlich, dass ich dies vom Therapeuten erfahre. Ich frage mich langsam, was mir das bringen soll.  

 

Donnerstag, 13.02.2003

Vier Wochen ungefähr habe ich meinen Freund nicht gesehen. Es lag aber nicht an ihm. Ich habe mich ziemlich zurückgezogen. Er hat es in der letzten Zeit auch nicht einfach mit mir. Nicht ausgesprochene Gefühle von mir verursachen Missverständnisse und erzeugen den Eindruck, dass ich an unserer Beziehung kein Interesse mehr habe. Dabei ist er ein sehr wichtiger Mensch in meinem Leben geworden, und ich bin froh, dass ich ihn habe. Eigentlich möchte er für mich da sein und mich auffangen, wenn es mir schlecht geht, aber ich muss ihm dazu auch die Gelegenheit geben. Das habe ich mir nun vorgenommen. Heute bin ich erst einmal froh, dass ich ihn wiedersehe, und mir wird bewusst, wie sehr ich ihn liebe und auch brauche. 

 

Mittwoch, 12.02.2003

Heute besucht mich wieder Janas Schulfreundin Linn. Ich freue mich, denn ich bin immer froh, wenn ich Freunde von Jana sehe, es tut mir gut. Wir gehen auch wieder auf den Friedhof, um eine neue Kerze anzuzünden. Linn möchte mir im Frühjahr helfen, wenn wir das Grab bepflanzen. Ich finde es sehr lieb von ihr. 

 

Dienstag, 11.02.2003

Gestern bekam ich zwei Gästebucheinträge. Es waren Einträge völlig unter der Gürtellinie, von einer Person, die sich im Tagebuch angegriffen fühlte. Ich sperrte daraufhin mein Gästebuch, um den Lesern dieses Niveau zu ersparen und mich selber zu schützen. Ab heute Abend steht ein neues Gästebuch zur Verfügung. 

 

Freitag, 07.02.2003

Gegen Mittag bekomme ich einen Anruf von der Frau des Freundes , die mich vorwurfsvoll fragt, was das mit den AOL- Buchungen soll, ich wisse doch, dass es ihr Geld sei. Ich antwortete ihr, dass ich ebenso weiß, dass sie noch 400,- € Schulden und ein geborgtes Handy haben (siehe Tagebuch vom 10.12.). Mit dem Hinweis auf meinen Anwalt beendete ich dieses Gespräch.  Hätte ich dieses Konto nicht geschlossen, würden wohl noch heute Abbuchungen stattfinden.....

 

Freitag, 31.01.2003

Heute habe ich ein Konto von Jana aufgelöst, welches sie mit Vollmachten für ihren Freund eingerichtet hatte, da dieser durch Schulden und Schufa- Eintrag bei keiner Bank mehr ein Konto bekam. Von diesem Konto wurden unter anderem AOL- Rechnungen für die Frau des Freundes abgebucht. Da die letzte Abbuchung vier Wochen nach Janas Tod stattfand, und das Konto bereits im Minus war, ließ ich es im Dezember erst einmal sperren. Aus diesem Grund widersprach ich bei Auflösung des Kontos den letzten AOL- Abbuchungen.

 

Dienstag, 28.01.2003

Um 9.00 Uhr habe ich heute meinen ersten Termin beim Psychologen. Ich habe keine Vorstellung wie es werden wird und bin ziemlich aufgeregt. Auf dem Weg dorthin gehen mir tausend Gedanken über Jana durch den Kopf. Es ist wieder ein Weg voller Erinnerungen, denn auch diese Strecke sind wir oft zusammen gefahren. Ich muss nur einige Minuten im Wartezimmer sitzen, dann werde ich aufgerufen. Schon bei der ersten Frage des Psychologen kommen die Tränen. Im Laufe des Gesprächs folgen viele Fragen zu unserer Familiengeschichte. Der Psychologe macht sehr viele Notizen. Am Ende des fast eine Stunde währenden Gesprächs empfiehlt er mir dringend eine Therapie und gibt mir den nächsten Termin in einer Woche.

 

Sonntag, 26.01.2003

Gegen 10 Uhr kommt meine Schwester. Ich möchte ihr, wie auch Olav und Janas Freundin, Bekleidung von Jana geben, die ihnen passt.  Es wäre sicher nicht im Sinne von Jana, wenn ihre Sachen in den Kleidercontainer kommen würden. Auch ich werde noch einige Sachen von Jana tragen, und ich denke mal, sie würde sich sicher darüber freuen. Die verbleibenden Sachen werde ich einer Familie mit drei Kindern im Wohnort meiner Mutter geben, die ihr oft helfen oder für sie einkaufen. 

Am Nachmittag raffe ich mich wieder auf, um die vielen anderen Dinge weiter zu sortieren. Ich sehe kein Land, denn es scheint eine endlose Aufgabe zu sein. Während ich alte Post- und  Geburtstagskarten, gemalte Bilder und Schulzeugnisse in der Hand habe, bin ich total in der Vergangenheit versunken und möchte lieber dort bleiben. Es ist kurz nach 19 Uhr, als mich ein Telefonklingeln in die Gegenwart zurückholt. Am Telefon ist die Mutter des 16jährigen Mario, mit dem sich Jana zusammen das Leben genommen hat. Ich kann kaum den Telefonhörer halten und zittere wieder einmal am ganzen Körper. Wir hatten bisher noch keinen Kontakt. Ich war noch nicht in der Lage, diesen ersten Schritt zu tun. Nach 5 bis 10 Minuten werde ich ruhiger. Marios Mutter macht auf mich den Eindruck einer starken Frau. Wir unterhalten uns eine gute Stunde über alles, was uns bewegt, über offene Fragen, über unsere Trauer. Wir werden von nun an in Kontakt bleiben, auch will Marios Mutter demnächst mal nach Berlin kommen. Nach diesem Telefonat bin ich eigentlich erleichtert, dass dieser Kontakt zustande gekommen ist, und ich bin Marios Mutter für diesen ersten Schritt dankbar. 

 

Sonnabend, 25.01.2003

Heute kommt eine Freundin von Jana. Sie kannten sich zwar nur online, aber sprachen über ihre Probleme und wollten sich mal treffen und einiges unternehmen. Nach ihrem ersten Gästebucheintrag habe ich per E-Mail Verbindung zu ihr aufgenommen. Sie ist sehr lieb und ist heute gekommen, um mir beim weiteren Sortieren von Janas Sachen beizustehen. Ihr fällt es auch nicht leicht. Wir sind schockiert, als wir viele angefangene Briefe an den Freund finden. Jana hat unzählige Male angefangen, an ihn zu schreiben, war innerlich total zerrissen, litt unheimlich unter der Trennung. Es sind Dokumente ihrer großen Liebe zu ihrem Freund, aber ebenso Dokumente ihrer großen Verzweiflung. 

 

Freitag, 24.01.2003

Olav kommt wieder und fängt mit mir an, Janas Garderobe zu sortieren. Es ist bedrückend. Ich kann irgendwann die Tränen nicht mehr unterdrücken, die Nerven wollen nicht mehr. Olav tröstet mich. Wir sind seit Janas Tod noch viel enger zusammengerückt. Mein Großer hilft mir, wo er kann, und ich bin unendlich froh, dass ich ihn habe.

 

Donnerstag, 23.01.2003

Mein Sohn ruft mich von unterwegs an und erzählt mir, dass er sich eine weitere Wohnung angesehen hat. Sie entspricht seinen Vorstellungen, und er kann Mitte Februar einziehen. Er ist überglücklich. Er musste Mitte Dezember kurzfristig ausziehen, da sein Hauptmieter die Wohnung wieder selbst nutzen wollte. Seitdem hat er seine Sachen bei Freunden untergestellt und war ziemlich gestresst und mit den Nerven langsam am Ende. Ich freue mich für Olav. Gleichzeitig heißt das aber, dass wir eigentlich das Schwerste noch vor uns haben. Wenn Olav die zwei Schrankteile von Jana mitnehmen will, müssen wir ihre Sachen sortieren.... 

 

Dienstag, 21.01.2003

Die letzte Nacht musste ich mich nicht mit Schlaflosigkeit herumquälen. Ich war vom Umräumen ziemlich erschöpft. Außerdem kommt es mir vor, als hätte sich in mir eine Spannung gelöst. Sicher liegt das an der  Entscheidung, die ich gestern getroffen und in Angriff genommen habe. Ich habe noch einiges zu tun, räume die Regale fertig ein und hänge Bilder um. 

 

Montag, 20.01.2003

Ich habe die letzte Nacht bis 3.30 Uhr wach gelegen und konnte nicht schlafen. Der Auslöser muss das Telefonat am Abend mit meiner Mutter gewesen sein. Wir hatten uns darüber unterhalten, was ich mit Janas Zimmer mache. 

Kurz nach Janas Tod wollte ich aus dieser Wohnung flüchten und zu meinem Freund ziehen. Mittlerweile ist mir klar geworden, dass ich das zum jetzigen Zeitpunkt gar nicht kann. Ich weiß jetzt, dass ich dann noch trauriger wäre, als ich es schon bin. Ich habe hier 12 Jahre mit Jana gelebt, und es hängen zu viele Erinnerungen dran, wovon ich viele mit einem Umzug einfach wegwischen würde. Das will ich nicht. Ich könnte zwar viel mitnehmen, aber müsste trotzdem viele Dinge weggeben oder sie in Kisten verwahren.  

Ich möchte hier kein Museum einrichten, aber will mich auch nicht von Erinnerungen trennen. Bisher bedrückt es mich immer sehr, wenn ich Janas Zimmer betreten muss. Olav, mein Sohn, hätte gern einen Teil von Janas Schrankwand, da er eine neue Wohnung sucht. Ich werde ihm die Möbel dann geben und mit dem Rest das Zimmer anders gestalten, aber Janas Motorradmodelle, ihre Nilpferde und andere Dinge von ihr wieder aufstellen. Die Verbindungstür zum Wohnzimmer wird dann geöffnet. Sie war bisher vom Wohnzimmer aus zugestellt, also muss ich auch hier alles umgestalten. Olav kommt, und wir räumen zusammen das Wohnzimmer um. Um 15 Uhr stehen die Möbel an ihrem neuen Platz. Eigentlich sieht das Wohnzimmer jetzt sogar besser aus als vorher und wirkt größer. Ich muss nun noch die Regale neu einräumen. So habe ich noch lange zu tun.

 

Sonnabend, 18.01.2003

Um 10 Uhr höre ich plötzlich einen mir unbekannten Klingelton.  Ich suche, aus welcher Ecke es kommt und finde Janas altes D2- Handy, welches inzwischen auch abgemeldet und ausgeschaltet ist. Auf dem Display steht: "Memo - Suzuki abholen/bezahlen". Ich zittere am ganzen Körper....

 

Freitag, 17.01.2003

Am 01.11. hatte Jana noch einen neuen Handyvertrag abgeschlossen. Die Telefon Karte wurde nie aktiviert, war noch nicht einmal aus der großen Karte herausgebrochen. Nachdem Anfang Dezember eine November- Rechnung in Höhe von 34,90€ kam, verschlug es mir die Sprache. Kurz darauf folgte eine Mahnung, da man statt der Kontonummer die Kartennummer übertragen hatte. Schriftlich teilte ich dann T- Mobile mit, dass Jana verstorben ist und schickte die unbenutzte Karte mit zurück. Daraufhin kam folgende Antwort:         

Wozu und worüber eine Abschlussrechnung, oder will man mir etwa das Startguthaben in Höhe von 25€ gutschreiben? Dann kam auch die sogenannte Abschlussrechnung: Grundgebühr, Mindestgesprächsumsatz für den Monat Dezember in Höhe von nochmals 11,45€, adressiert an Jana! 

Ich kann es einfach nicht fassen! Was mutet man mir noch alles zu? Hier meine Antwort an T- Mobile:

 

Dienstag, 14.01.2003

Gegen 11 Uhr bekomme ich heute eine E-Mail domain.berlin1. Ich kann aufatmen. Man lässt die Seite im Netz, da ich mich bereit erklärt habe, die Mehrkosten zu tragen. Danke auch den Besuchern der Homepage, die sich durch E-Mail an domain.berlin1 dafür eingesetzt haben, dass die Seite nicht gesperrt wird.

 

Montag, 13.01.2003

Folgende E-Mail bekam ich heute von http://domain.berlin1.de, auf dessen Server diese Homepage liegt.

Sehr geehrte Frau Hentrich,
nach interner Überprüfung stellten wir fest, dass Sie die Grenzen des Downloadtraffic von 5 GB überschritten haben. Im Augenblick liegen Sie bei 5,216 GB bis dato heute den 13.01.2003.
Aus diesem Grunde bitten wir Sie die verursachenden Files zu entfernen oder auf irgendeine Weise den Traffic zu reduzieren, damit kein deutlich höherer verursacht wird. Ansonsten müssen wir Ihre Webpräsenz vorübergehend sperren, bis wir eine Rückmeldung von Ihnen erhalten. Hierfür setzen wir Ihnen eine Frist bis Dienstag, den 14.01.2003- 16:00 Uhr.

Ja, nun haben sich so viele Menschen diese Homepage angesehen, und ich muss befürchten, dass sie morgen gesperrt wird. Ich habe per E-Mail darum gebeten, sie im Netz zu lassen und erklärt, dass die hohe Besucherzahl durch die Aktualität des Themas und der Veröffentlichung der Adresse im Fernsehen kommt. Ich hoffe nun für mich und die Besucher der Homepage und auf das Verständnis von berlin1.de. Wenn diese Homepage wegen der hohen Besucherzahlen gesperrt wird, wäre das für mich ein Schlag ins Gesicht.

 

Freitag, 10.01.2003

Heute kommt ein Kamerateam vom ZDF, um einen Beitrag für Frontal 21 zu drehen. Sie hatten sich schon vor längerer Zeit angekündigt, aber warteten, um mit einem bestimmten Kameramann drehen zu können. Mit der Journalistin, die das Interview macht, habe ich im Vorfeld schon mehrmals telefoniert. Wir haben uns meist über mehr unterhalten, als das bevorstehende Interview und haben irgendwie einen guten Draht zueinander. Wir verstehen die Gefühle des anderen und werden sicher in Zukunft noch ab und zu voneinander hören. - Um 15.45 Uhr klingelt mein Telefon. Es ist die Frau von meinen Bekannten, die mich am 28.11.2002 besuchen wollten und kurzfristig absagten. Sie weint am Telefon. Sie hat tagelang versucht mich zu erreichen. Total aufgelöst erzählt sie mir, dass ihr Mann gestorben ist. Ich sinke zusammen. Er hat seit langer Zeit gegen den Krebs gekämpft, zuerst Bestrahlungen, ein Jahr später wieder Krebs, dann Chemotherapie. Er hatte immer den Lebenswillen und wollte den Krebs besiegen. Sein Körper war zuletzt so geschwächt, er hat es nicht geschafft. Nun sitze ich hier, fassungslos..... mir fehlen die Worte...

 

Donnerstag, 09.01.2003

Heute muss ich mit meinem SharPei zum Tierarzt. Dieser ist fast am anderen Ende der Stadt, aber spezialisiert auf diese Rasse. Ich muss auch durch Berlin- Weißensee fahren, wo wir früher gewohnt haben. Es ist eine Fahrt voller Erinnerungen: Ich komme an Janas Schule vorbei, wo sie vor der Wende die erste Klasse besuchte - einem Autohändler, bei dem wir uns letzten Sommer Kombis angesehen haben. Wieder läuft ein Film vor mir ab, ein Film, in dem ich Jana vor mir sehe. Ich habe Mühe, mich auf den Straßenverkehr zu konzentrieren, denn die Tränen nehmen mir fast die Sicht....

 

Dienstag, 07.01.2003

Endlich! Gestern beim Krisendienst empfahl man mir eine Psychologin. Mit Herzklopfen und der Hoffnung, dass ich endlich einen Termin bekomme, rufe ich heute dort an. Zuerst bekam ich fast wieder eine Absage, aber eben riefen sie mich zurück und gaben mir für den 28.01. einen Termin.

 

Montag, 06.01.2003

Um 14 Uhr habe ich ein weiteres Gespräch beim Krisendienst. Es hilft mir wieder, einfach reden zu können. Seit der Sendung "Unter uns" kommen immer noch sehr viele Besucher auf diese Homepage. Bisher kam nur eine E-Mail, in der man mir sein Unverständnis mitteilt, weil ich an die Öffentlichkeit gegangen bin. Im Gästebuch gibt es am 03.01. um 22:44 einen Eintrag von "Garfield", den ich unkommentiert stehen ließ, denn ich möchte mich nicht auf diese geistige Stufe herablassen. Mit den wenigen negativen Einträgen kann ich leben, da ich durchaus nicht nur mit positiven Reaktionen gerechnet habe. Noch einmal all den vielen lieben Menschen meinen aufrichtigen Dank, die mir mit ihren Worten der Anteilnahme und des Mitgefühls gezeigt haben, dass ich den richtigen Weg gehe...

 

Sonnabend, 04.01.2003

Gestern war ich in Erfurt beim MDR als Gast in der Sendung "Unter uns". Es war nicht einfach, dort Janas Geschichte zu erzählen, aber ich habe es geschafft. Heute, wieder zu Hause, bin ich überwältigt von den vielen Besuchern auf der Homepage und den vielen lieben Gästebucheinträgen und E-Mails. Ich hätte nie gedacht, dass so eine Welle der Anteilnahme auf mich zukommt, so viele fremde Menschen mir Mut zusprechen und Kraft wünschen. Ich danke allen und weiß nun, dass Jana unvergessen bleibt...

 

Mittwoch, 01.01.2003

Nun hat ein Jahr angefangen, dass ich ohne Jana leben werde. Wie und ob ich das schaffen werde, weiß ich noch nicht. Seit der Beerdigung habe ich das Gefühl, dass die Löcher, in die ich falle, immer tiefer werden. Ich war heute auf dem Friedhof, um für Jana wieder eine Kerze anzuzünden. Zu Hause brennt immer eine Kerze....

 

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